Umwälzung für die europäische Autobranche

Niedrigere PKW-Preise verspricht Wettbewerbskommissar Mario Monti aufgrund der neuen Vertriebsregeln für die Autohersteller. Wie sie sich tatsächlich auswirken werden, wird man frühestens in eineinhalb Jahren sehen.

WIEN. Noch ist nichts entschieden. Wettbewerbskommissar Mario Monti hat am Dienstag abend die neuen Vertriebsregeln für den Autohandel vorgestellt. Doch dies ist erst ein Entwurf, der in den nächsten Monaten noch diskutiert werden soll.

Die derzeitige "Gruppenfreistellungsverordnung" (GVO) läuft im September dieses Jahres aus. Sie erlaubt den Autokonzernen den Vertrieb über exklusive Händlernetze mit Gebietsschutz. Dies soll eine hohe Qualität im Service- und Reparaturnetz garantieren. Nach Ansicht Montis hat die GVO aber auch zu deutlichen Wettbewerbsverzerrungen geführt. So differieren die Autokosten europaweit deutlich (siehe Graphik).

Der Vorschlag der Kommission, der nach einer Übergangsfrist von einem Jahr im Oktober 2003 wirksam werden soll, bricht nun die enge Bindung der Händler an die Vorgaben der Hersteller auf. Die Produzenten dürfen demnach unter zwei Vertriebssystemen wählen: Dem "selektiven" System, bei dem sie zwar weiterhin ihre Händler frei aussuchen können, diese dann aber europaweit tätig werden können. Und einem Vertriebssystem, in dem die Händler wie bisher Gebietsschutz haben ("Alleinvertrieb"). Bei dieser Variante wird aber dem Wettbewerb ein anderes Tor geöffnet: Die Händler dürften dann auch an Zwischenhändler oder Supermärkte verkaufen, und diese wiederum können die Pkw europaweit anbieten.

Nivellierung der Preise

Klar ist: Wird der Vorschlag Montis tatsächlich umgesetzt, wird es bald zu einer Nivellierung der Erzeuger-Abgabepreise kommen. Kein Hersteller kann es sich leisten, daß massenhaft Autos aus Dänemark - dort gleichen die Konzerne die exorbitanten Steuern durch niedrige Netto-Preise aus - im restlichen Europa verkauft werden.

Eine zweite Auswirkung: Die Struktur des Handels wird sich ändern. Vor allem kleinere Händler dürften aus dem Markt gedrängt werden und finanzstarken Großhandelsbetrieben Platz machen. Das ist zwar nichts Neues und hat auch schon in den vergangenen Jahren stattgefunden. Doch das Tempo des Prozesses der Marktbereinigung dürfte sich erhöhen.

Ob und um wie viel Autos durch die Neuregelung billiger werden, ist noch umstritten. Während der Fachgruppenvorsteher des heimischen Fahrzeughandels, Heinz Havelka, mit Verbilligungen "maximal im Promillebereich" rechnet, sieht das deutsche Institut für Automobilwirtschaft deutlich bessere Auswirkungen für Konsumenten. In Deutschland seien Preissenkungen von bis zu fünf Prozent zu erwarten.

Bisher noch weitgehend unbeachtet blieb eine weitere deutliche Änderung in der GVO: Monti will auch bei Werkstätten mehr Wettbewerb initiieren. Immerhin würde über die Lebenszeit eines Pkw für Reparaturen gleich viel ausgegeben wie für den Neuwagen, so Monti.

Billigere Reparaturen

Werden seine Vorschläge umgesetzt, so dürfen Konsumenten künftig tatsächlich auf ein breiteres Angebot im Reparaturbereich setzen. Zunächst wird es deutlich mehr Vertragswerkstätten geben: Anders als bei den Händlern dürfen sich die Autokonzerne nach dem Vorschlag der Kommission ihre Werkstätten nämlich nicht mehr frei aussuchen, sondern müssen diese Auswahl an Qualitätskriterien binden. Jede Werkstätte kann also beispielsweise eine Opel-Vertragswerkstätte werden, wenn sie die von Opel vorgegebenen Normen erfüllt.

Und auch die freien Werkstätten werden künftig ein deutlich besseres Service anbieten können. Die Autohersteller werden nämlich verpflichtet, auch ihnen den Zugang zum nötigen Know how zu geben und Schulungen durchzuführen.

Für die Autohersteller ist dies zweifellos eine bittere Pille: Haben sie doch bisher gut an den Orginal-Ersatzteilen verdient. Freie Werkstätten tendieren eher dazu, billigere Nachbauteile einzusetzen.

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