William Donaldson wird Leiter der Börsenaufsicht SEC. Dem designierten US-Finanzminister John Snow werden Finanztricks vorgeworfen, die an Enron und WorldCom erinnern.
WASHINGTON (afp / lc). Neuer Chef der US-Börsenaufsicht SEC wird der frühere Vorsitzende der New Yorker Börse, William Donaldson. Er löst Harvey Pitt ab, dem vorgeworfen worden war, zu zögerlich gegen die Serie der Bilanzskandale vorgegangen zu sein.
Donaldsons Aufgabe wird es sein, das Vertrauen der Anleger wiederherzustellen, das seit einem Jahr durch die Serie von Unternehmensskandalen von Enron über Tyco bis WorldCom schwer erschüttert wurde. Dabei muß er auch die Glaubwürdigkeit der SEC selbst wiederherstellen. Sie wurde durch das Versäumnis der Behörde beschädigt, die teilweise gigantischen Manipulationen in den Bilanzen mancher Firmen aufzudecken.
"Die Anleger müssen über ehrliche Informationen verfügen, um abgesicherte Entscheidungen treffen zu können", sagte Bush bei der Präsentation Donaldsons. Er bezeichnete den 71jährigen, der unter anderem auch die im Jahr 2000 von Credit Suisse First Boston gekaufte Bank Donaldson, Lufkin & Jenrette gegründet hatte, als "einen der angesehensten Unternehmenschefs der Vereinigten Staaten".
Snow: Ballast im Gepäck
Zu jenen Fällen, die der neue SEC-Chef zu behandeln hat, könnte möglicherweise der designierte US-Finanzminister John Snow zählen. Snow habe "einigen Ballast im Gepäck", schrieb die "Washington Post" knapp nach der Ernennung Snows, die am Montag dem überraschenden Rücktritt von Paul O'Neill gefolgt war. Denn als Vorsitzender des Eisenbahnkonzerns CSX Corporation habe der 63jährige, der vom Senat noch als Minister bestätigt werden muß, von seiner Firma einen Kredit in zweistelliger Millionenhöhe erhalten, der später nicht rückgefordert worden sei.
Im Jahr 1996, auf dem Höhepunkt des Booms, lieh die CSX Corporation ihrem "Chairman" laut "Washington Post" 24,5 Mill. Dollar, um damit Aktien zu kaufen. Aber weil die CSX-Aktienkurse dann sanken, verzichtete Snow auf die Käufe. Drei Jahre später habe der Konzern den Kredit erlassen, berichtet die "Washington Post".
Suspekt ist auch die Integrität des Verwaltungsratsausschusses, der die Vergütungspakete für Snow und andere CSX-Manager bewilligen mußte. Denn laut Erkenntnissen des Gewerkschaftsbunds AFL-CIO hatten der Vorsitzende und ein weiteres Mitglied des Ausschusses Immobilien und Ländereien in Millionenhöhe von CSX-Tochtergesellschaften gekauft, die im Immobilienhandel tätig waren. Und drittens wickelte Snow, wie die "Washington Post" eruiert hat, gewisse Börsentransaktionen ab, die an Handlungen gewisser Enron-Manager erinnern. Denn im letzten August, kurz bevor der CSX-Konzern die Börsen mit einer Gewinnwarnung überraschte, verkaufte Snow zirka fünf Mill. Dollar an eigenen Aktien. Kurz zuvor hatte CSX den Analysten Schätzungen zukommen lassen, die auffallend rosig waren. Obwohl die CSX-Aktien in den letzten zwei Jahren aufgrund verschiedener Management-Flops gesunken sind, besitzt Snow nach heutigem Kurswert CSX-Aktien im Wert von 42 Mill. Dollar.
Snow, der nach dem Platzen der Finanzskandale zum Ko-Präsidenten eines Ethik-Ausschusses gewählt wurde, scheint auch von einer anderen "Entschädigungs"-Praxis profitiert zu haben, die in den letzten Jahren in der US-Industrie populär geworden ist: sogenannte "split dollar"-Lebensversicherungspolicen. Im Fall von Snow beträgt der Wert dieser Police, die von Kritikern als verkappter Gratiskredit bezeichnet wird, 25 Mill. Dollar.
Vor seinem Abgang in den öffentlichen Dienst sicherte sich Snow von CSX einen großzügigen "goldenen Fallschirm". Unter anderem steht ihm der Gebrauch der Firmenjets von CSX bis zum Lebensende zu. Die Firma kommt für seine Mitgliedschaft im "Country Club" auf, für die Sicherheitseinrichtung seiner Residenzen, sämtliche Arztrechnungen und Steuerberatungsdienste. In seinem Vertrag ließ er sich eigens ein Vergünstigungspaket schnüren "für den Fall, daß der Begünstigte in den öffentlichen Dienst übertritt".
Snow, der bei CSX bereits seit zehn Jahren Vorsitzender ist, habe schon seit langem nach einer Möglichkeit gesucht, in der Bush-Administration einen passenden Job zu übernehmen, heißt es in der "Washington Post".