Die ersten sechs Monate 2002 waren für viele Märkte die schlechtesten seit den 70er Jahren. Immer mehr Investoren haben das Vertrauen in die Börsen verloren.
NEW YORK (bloomberg). US-Aktien verzeichneten im ersten Halbjahr die größten Kursverluste seit den 70er Jahren. Mit ihnen rutschten auch die europäischen, asiatischen und lateinamerikanischen Werte ins Tal. Allein in den USA und Europa gingen 2,7 Bill. Dollar an Marktkapitalisierung verloren. Das Mißtrauen wächst, sagen Investoren und verweisen auf Gewinnwarnungen und Bilanzskandale. "Die Malaise gilt auf breiter Front", beobachtet Alan Brown von State Street Global Advisors, mit einem Anlagekapital von 806 Mrd. Dollar die weltgrößte Vermögensverwaltung. "Ich vermute, daß es frühestens zum Jahresende wieder bergauf geht."
Die Anleger sind verunsichert. Es gab einfach zu viele Hiobsbotschaften, die den Aktienmarkt erschüttert haben, darunter die Bilanzfälschungen bei Enron und WorldCom oder die Ermittlungen gegen den Ex-Vorstandschef von Tyco International. "Die Leute sind desillusioniert", stellt Charles White, Präsident von Avatar Associates, fest. "Sie fühlen sich betrogen." Auch der Vermögensverwalter hat seine Cash-Position auf 30 Prozent verdoppelt.
Der Standard & Poor's 500 Index hat seit Jahresanfang 13,7 Prozent verloren, nach einem Minus von 12,5 Prozent 1973 und einem Rutsch von 21 Prozent 1970. Fast jeder zehnte S&P-Wert ist um mindestens die Hälfte abgesackt. Bereits im vergangenen Jahr hat der Index 13 Prozent eingebüßt, 10,1 Prozent waren es im Jahr 2000.
1,5 Bill. Dollar Wertverlust
Nach dem Wilshire 5000 Index ergibt sich für US-Aktien ein Wertverlust von 1,5 Bill. Dollar. General Electric allein hat 100 Mrd. Dollar an Marktkapitalisierung eingebüßt. Microsoft, Citigroup und IBM kommen auf ein Minus von 200 Mrd. Dollar.
Traurig ist auch die europäische Halbjahresbilanz. Sämtliche Leitindizes sind gefallen. Der deutsche DAX verzeichnete mit minus 17 Prozent den größten Halbjahresverlust seit 1971. Der Dow Jones Stoxx 600 Index gab 18 Prozent ab, damit sind 1,2 Bill. Euro an Börsenwert wie weggeblasen. Alcatel, Deutsche Telekom, France Telecom, Nokia und Vivendi Universal - sie zählten Anfang des Jahres noch zu den Index-Schwergewichten - sind über 50 Prozent eingebrochen.
Nach dem Zusammenbruch des US-Energiehändlers Enron wurden Unternehmen in den USA kritischer unter die Lupe genommen - dabei kam einiges ans Tageslicht: Etwa das Debakel um Tyco. Die Aktien verzeichneten im ersten Halbjahr ein Minus von 79 Prozent, nachdem der Vorstandsvorsitzende des Mischkonzerns ins Kreuzfeuer der Kritik geraten war. Er soll Gelder veruntreut und Steuern hinterzogen haben, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft.
Schlagzeilen machte auch Samuel Waksal, bis zu seiner Verhaftung noch Chef von ImClone Systems. Er soll seine Familie vorab darüber informiert haben, daß das Krebsmittel "Erbitux" nicht für den US-Markt zugelassen wird. Von dieser Insider-Info soll auch seine gute Freundin Martha Stewart profitiert haben. Die amerikanische Vorzeigehausfrau und Verlegerin ist mittlerweile ebenfalls ins Visier der Börsenaufseher geraten.
Der jüngste Skandal geht auf das Konto von WorldCom. Der Telekom-Anbieter hat seine Bilanz um 3,9 Mrd. Dollar geschönt und steht vor dem Aus. Bei Xerox, Global Crossing und Adelphia Communications wurden ebenfalls Bilanztricksereien aufgedeckt. "Die Leute sind schockiert", so Stuart Schweitzer von J. P. Morgan Fleming Asset Management. Daher würden die Anleger nun aus den Aktienmärkten flüchten.
Eine Trendwende erwarten Investoren erst dann, wenn sich die Ertragslage der Unternehmen verbessert. Aktuellen Umfragen zufolge sollen die US-Unternehmensgewinne bis Jahresende um 14 Prozent steigen, ursprünglich haben die Analysten mit plus 16,5 Prozent gerechnet. Für Europa erwarten die Strategen einen Anstieg von durchschnittlich 26 Prozent, berichtet Thomson Market Strategy. Vergangenes Jahr waren die Gewinne 30 Prozent gefallen.
Auch für Japans Aktien sieht es nicht gut aus, sie müssen auf Unterstützung vom Devisenmarkt hoffen. Die Verluste beim Nikkei 225 Index gehen maßgeblich auf das Konto der Exportwerte, allen voran NEC. Der starke Yen, er hat gegenüber dem Dollar rund zehn Prozent zugelegt, verteuert die japanischen Exporte und schmälert dadurch die Einnahmen im Ausland.
Welche Aktien gewinnen?
Aussichten auf Kursgewinne haben im zweiten Halbjahr vor allem Einzelhändler, Medienunternehmen und Konsumgüterhersteller, prognostiziert Robert Streed. Er ist für den 400 Mill. Dollar schweren Northern Select Equity Fund verantwortlich. Potential sieht der US-Fondsmanager auch bei Rüstungsaktien, darunter General Dynamics und Lockheed Martin. "Aber die besten Kaufgelegenheiten gibt es voraussichtlich außerhalb der USA", meint Schweitzer und verweist auf die anhaltende Dollar-Schwäche.