Investmentbanken zahlen Milliardenstrafen für getürkte Analysen

Vergleich. Investmentbanken zahlen mehr als eine Mrd. Dollar, weil sie mit geschönten Unternehmensanalysen Anleger über den Tisch gezogen haben.

NEW YORK (ag). Große und kleine Investoren sind von US-Investmentbanken während des Börsenbooms der neunziger Jahre mittels geschönter Analysen offenbar systematisch übers Ohr gehauen worden: Was bisher nur nebulose Vorwürfe waren, ist jetzt durch einen Vergleich führender amerikanischer Investmentbanken mit der US-Börsenaufsicht SEC sozusagen in den Status der Gewißheit gehoben worden.

Rund ein Dutzend Investmentbanken und Börsenmakler werden zusammen rund eine Mrd. Dollar in einen Fonds zur Entschädigung von Anlegern und in einen zweiten Fonds zur Finanzierung unabhängiger Analysen einzahlen. Die SEC beendet im Gegenzug die Untersuchungen gegen die Institute.

Die höchste Zahlung wird mit 350 Mill. Dollar die Konzernmutter der Investmentbank Schroder Salomon Smith Barney, der Finanzkonzern Citigroup, leisten müssen. 150 Mill. Dollar legt die Credit-Suisse-Gruppe ab, 50 Mill. Dollar muß die Deutsche Bank abliefern. Merrill Lynch hatte schon zuvor einem Vergleich im Ausmaß von 100 Mill. Dollar zugestimmt.

Der Vergleich sieht weiters vor, daß die Institute ihren Research-Bereich stärker vom Investmentbanking-Geschäft trennen müssen. Geschäftsbeziehungen zu Unternehmen, die von hauseigenen Analysten abgedeckt werden, müssen künftig offengelegt werden. Und die Vorab-Zusicherung von Aktien an Manager befreundeter Unternehmen im Falle von Börsengängen soll ebenfalls mit einem Bann versehen werden.

Damit ist das Sündenregister der Wallstreet-Firmen ziemlich exakt dargestellt. Freilich, so meinen Beobachter, sei das Grundübel noch nicht beseitigt: Investmentbanken bezahlen ihre Research-Abteilungen weiterhin aus den Investmentbanking-Einnahmen. Fällt die Beurteilung eines Unternehmens, das gleichzeitig Großkunde der Investmentbank ist, durch die Analysten schlecht aus, dann droht eine Abwanderung dieses Kunden zur Konkurrenz.

Freilich: Viele der jetzt unter Beschuß stehenden Analysten waren wohl mehr Täter als Opfer. In Erinnerung sind etwa interne E-Mails bei Merrill Lynch, in denen analysierte Firmen, die in den offiziellen Analysen des Instituts Kaufempfehlungen erhalten hatten, abschätzig ("piece of shit") beurteilt worden waren.

Ehrliche wurden gefeuert

Stark unter Druck steht weiterhin der frühere Star-Analyst der Citigroup, Jack Grubman. Gegen ihn untersucht die SEC in 62 Fällen - und es gilt als sicher, daß für Grubman die Sache mit dem Vergleich noch nicht beendet ist. Ein besonders exemplarischer Fall: Der Telephon-Gigant AT&T plante 1999 einen größeren Aktienverkauf, die Citigroup Tochter Smith Barney bewarb sich um die Abwicklung. Citigroup-Chef Sanford I. Weill soll den einflußreichen Salomon-Chefanalysten Grubman in dieser Situation gebeten haben, AT&T positiv zu beurteilen. Weill bestreitet das. Freilich: Grubman setzte die AT&T-Aktie von "Halten" auf "starker Kauf", der Kurs schoß unmittelbar vor dem Aktienverkauf in die Höhe. AT&T bekam einen ausgesprochen guten Preis für sein Aktienpaket, die Citigroup sackte 45 Mill. Dollar an Investmentbanking-Honoraren ein - und die Anleger hatten das Nachsehen, denn die AT&T-Aktien gaben durch den Verkauf deutlich nach.

Diese Form des Doppelpaß-Spiels zwischen Investmentbank-Kunden und Analysten war freilich keine Ausnahme. Im Gegenteil: Es wurden im Rahmen der SEC-Untersuchung mehrere Fälle dokumentiert, wo Analysten wegen ehrlicher Analysen gefeuert wurden.

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