Das Brokerhaus war unter Druck gekommen, als Analysten den Kunden Aktien empfahlen, die sie selbst für "Schrott" hielten.
NEW YORK (lc). "Dieses Abkommen wird Wallstreet verändern", behauptete der Generalstaatsanwalt (Justizminister) von New York, Eliot Spitzer, in einer Pressekonferenz. "Indem Merrill Lynch sich diesen Reformen beugt, setzt die Firma einen neuen Standard für die ganze Branche". Das Abkommen sieht vor, daß Merrill Lynch die Bezahlung seiner Analysten vom Geschäftserfolg der Bank trennt.
In der Vergangenheit war es üblich gewesen, die Analysten für Wertpapiergeschäfte zu belohnen, zu deren Akquisition sie beigetragen hatten. Denn die Analysten verbrachten oft den größten Teil ihrer Arbeitszeit damit, die von ihnen beobachteten Firmen zu überreden, bei Wertschriftengeschäften ihre Bank zu wählen. Als Gegenleistung gaben sie oft rosige Empfehlungen heraus.
Aufgeflogen war der Skandal, als Spitzer eine Reihe von E-Mails publizierte, in denen Merrill Lynch-Analysten sich über Firmen, die sie empfahlen, abschätzig geäußert hatten. "So ein Ramsch", "völliger Schrott" und Schlimmeres konnte man über die Firmen lesen, die Merrill Lynch - das größte Brokerhaus der Welt - seinen Kunden empfahl.
Merrill Lynch sah sich darauf empfindlich unter Zugzwang gesetzt, denn der Generalstaatsanwalt von New York hat die Kompetenz, öffentliche "Hearings" zu veranstalten. Solche Publizität war das letzte, was Merrill Lynch sich wünschte. Als auch noch der Aktienkurs absackte, begann Merrill Lynch deshalb Verhandlungen mit Spitzer und signalisierte die Bereitschaft, eine saftige Buße zu bezahlen, wenn ihr erlaubt würde, die Sache hinter sich zu bringen.
Nach wochenlangen, zähen Verhandlungen wurde die Einigung jetzt erreicht. Merrill Lynch zahlt die runde Summe von 100 Millionen Dollar. Es handelt sich um die größte US-Wertpapierbuße seit Credit Suisse First Boston im Dezember im Zusammenhang Börsengängen ebenfalls 100 Mill. Dollar ablieferte. Merrill Lynch erklärt sich auch zu einer Reihe von Reformen bereit. Eine Schuld gesteht die Bank jedoch nicht ein. Gegen dieses Ansinnen konnte sich Merrill Lynch erfolgreich wehren.