Schwere Vorwürfe gegen renommierte US-Investmentbanken: Analysten wären gezwungen worden, Urteile über bestimmte Firmen zu beschönigen.
NEW YORK. Die Klagelawine an der Wall Street nimmt offenbar kein Ende. Ein früherer Wertpapieranalyst der großen Brokerfirma Salomon Smith Barney, einer Tochterfirma des größten US-Finanzdienstleisters Citigroup, hat seinen ehemaligen Arbeitgeber auf 100 Millionen Dollar Schadenersatz verklagt. Kenneth Boss behauptet, er sei im Juni entlassen worden, weil er sich geweigert habe, einen positiven Forschungsbericht herauszugeben. Dies hat die amerikanische Wirtschaftsagentur Dow Jones berichtet.
Boss behauptet, er sei von zwei Investmentbank-Kollegen und seinem Vorgesetzten unter Druck gesetzt worden, den negativen Tenor in einem Bericht über mehrere Büromöbelfirmen zu ändern. Seine Kollegen hätten verlangt, er solle seine neutralen Ratings für die Firmen Steelcase Inc. und Interface Inc. auf ein Kauf-Rating hoch stufen. Es sei bei Salomon Smith Barney üblich, positive Forschung als Anreiz für die Sicherung von lukrativen Investmentbankgeschäften zu verwenden, behauptete er in seiner Klage. Eine Firmensprecherin bezeichnete die Klage als grundlos.
Salomon hatte sich am Montag bereit erklärt, eine Strafe von fünf Mill. Dollar an den Verband der US-Wertpapierhändler NASD zu zahlen, der auch Aufsichtsfunktionen wahrnimmt. Dabei war es um angeblich irreführende Berichte über die Firma Winstar gegangen. Die NASD hatte auch gegen den Autor der Berichte, den früheren Salomon-Telekom-Staranalysten Jack Grubman, Beschwerde eingereicht.
Neues Ungemach droht auch der Investmentbank Merrill Lynch. So will sich der Händlerassistent Douglas Faneuil US-Medienberichten zufolge eines Vergehens im Zuge des Insiderverdachts gegen die prominente US-Unternehmerin Martha Stewart schuldig bekennen. Damit könnte eine mögliche Klage der Staatsanwaltschaft gegen Stewart näher rücken.
Bereits im Mai war Merrill Lynch vom New Yorker Generalstaatsanwalt Elliot Spitzer mit 100 Millionen Dollar Strafe belegt worden, da der Branchenführer hausintern Internetfirmen schlecht gemacht und ihre Aktien trotzdem den eigenen Kunden zum Kauf empfohlen hatte. Merrill Lynch und die meisten anderen Wall-Street-Firmen haben inzwischen Besserung versprochen.
Harvey Pitt, der Leiter der US-Wertpapier- und Börsenkommission SEC, will jedoch offensichtlich in Kürze eine ganz strikte Trennung von Analysten-Abteilungen und Investmentbank-Operationen bei den Brokerfirmen und andere weitreichende Auflagen anordnen.