"Jede Rally wird sofort zunichte gemacht"

Die Lust auf Aktien ist vielen Anlegern vergangen. Sie warten auf eine Erholung der Kurse, um sich von ihren Papieren zu trennen.

NEW YORK (bloomberg). Investoren, die in Aktien aus dem Standard & Poor's 500 Index investiert haben, bezahlten einer Studie von Credit Suisse First Boston (CSFB) zufolge durchschnittlich 15 Prozent mehr für ihre Aktien, als diese jetzt noch wert sind. Analyst Steve Kim kommt zu dem Schluß, daß Anleger, die ihre Verluste reduzieren wollen, mit ihren Verkäufen jede Kursrally sofort wieder zunichte machen würden.

"Viele Leute warten nervös darauf, verkaufen zu können, sobald sich ein Kursaufschwung andeutet", beschreibt Richard Sichel, zuständig für die Kapitalanlagen bei Philadelphia Trust in Philadelphia die Stimmung der Anleger. Sichel selbst hat die liquiden Mittel seines Portfolios auf zehn bis 20 Prozent erhöht, weil er derzeit kein Vertrauen in Aktien hat.

CSFB-Analyst Kim hat eine Liste derjenigen Aktien zusammengestellt, mit denen Investoren die größten unrealisierten Verluste gemacht haben. Das sind Verluste mit Aktien, die sie teuer gekauft und noch nicht wieder verkauft haben. Zu den betroffenen Titeln gehören Avaya, Lucent Technologies, Solectron und Sprint PCS Group, die alle bis zum 30. September mehr als 50 Prozent des Wertes verloren haben, den Anleger beim Kauf für sie bezahlt haben. Zu den Branchen mit den größten unrealisierten Verlusten von 35 bzw. 22 Prozent gehören - wenig überraschend - Telekom- und Technologieunternehmen.

Anleger mit "Sitzfleisch"

Am besten gehalten haben sich Nahrungsmittel-, Getränke- und Haushaltswarenhersteller, wie Coca-Cola und Procter & Gamble. Hier sitzen die Anleger auf unrealisierten Verlusten von nur 6,1 Prozent.

Im Bärenmarkt der vergangenen zweieinhalb Jahre haben Investoren den Kurs, zu dem sie bereit waren, ihre Verlust-Aktien zu verkaufen, kontinuierlich nach unten geschraubt. "Die Leute zögern, ihre Verlierer zu verkaufen", sagte Ravi Dhar, Professor an der Yale Universität, der sich mit diesem Phänomen auseinandergesetzt hat. Statt dessen sitzen sie auf ihren fallenden Aktien und warten darauf, daß sich irgendwann die Chance ergibt, die Verluste, oder zumindest einen Teil davon, auszugleichen, so Dhar. Wenn sie etwa eine Aktie um 40 Dollar gekauft haben, die jetzt nur mehr zehn Dollar wert ist, warten sie auf eine Erholung auf 15 Dollar und verkaufen dann.

Sollte die nächste Rally wieder gestoppt werden, wenn Investoren 65 Prozent des Verlusts wieder hereingeholt haben, dann wird der S&P 500 bei der nächsten Erholungsphase lediglich noch 901 Punkte erreichen.

Derzeit keimt bei den Anlegern jedenfalls wieder Hoffnung auf, nachdem die Indizes gegen Ende der Vorwoche endlich wieder zulegen konnten. Insbesondere der Frankfurter DAX konnte Donnerstag und Freitag vergangener Woche wieder stark zulegen. Steigende Kurse hat der Index in den vergangenen Wochen allerdings schon mehrmals gesehen, bevor die Kurse erneut nach unten sausten. Insbesondere, nachdem Anleger die erste Chance nützten, um sich von ihren Problemaktien mit einigermaßen verkraftbaren Verlusten zu trennen.

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