Transparenz ist bei Investmentbanken angesagt: Drei klare Empfehlungskategorien sollen ein bislang für Anleger kaum durchschaubares Bewertungssystem ablösen.
WIEN (schell). Nach den schweren Kursstürzen der vergangenen Monate und einiger Reihe höchst fragwürdiger Analysen greifen renommiertem Investmenthäuser nun zu radikalen Maßnahmen. Einerseits wurde in so gut wie in allen Banken die Parole ausgegeben, die Zahl der Verkaufsempfehlungen kräftig nach oben zu treiben, andererseits wird ein mit vielen Fragen behaftetes Bewertungssystem nun deutlich vereinfacht. Um Anlegern eine klare, unmißverständliche Orientierungshilfe zu bieten, wollen die meisten Institute künftig mit "Kaufen", "Halten" und "Verkaufen" nur mehr drei konkrete Empfehlungen abgeben.
Nebulose Ratings - wie "akkumulieren", "übergewichten", "underperform" - dürften somit in Zukunft weniger oft zu hören sein. Bereits zusammengestutzt wurde das komplizierte Bewertungssystem bei Merrill Lynch, Credit Suisse First Boston, Salomon Smith Barney, Lehman Brothers, Bear Stearns & Co. sowie bei der Deutschen Bank. Mit dieser Aktion reagieren die besten Adressen der Investmentszene auf ihr ramponiertes Image. So gut wie jede Bank blamierte sich im Zuge der scharf fallenden Kurse mit fragwürdigen Empfehlungen.
Insbesondere der fehlende Mut zum "Sell" wurde den Analysten schwer angekreidet. Statt klare Verkaufsempfehlungen auszusprechen, wurde gerne der Umweg über verklausulierte Ratschläge eingeschlagen, etwa über die Bewertung "underperform". Insider wußten im Gegensatz zur breiten Schar der Kleinanleger bei einem derartigen Rating sofort, daß Feuer am Dach ist und es sich um eine versteckte Verkaufsempfehlung handelt.
Für die Analysten ist die Lage freilich nicht immer ganz einfach. So haben sie ihre Einschätzungen zwar völlig unabhängig von den Wünschen ihrer Kollegen aus den Verkaufsabteilungen zu treffen, letztere sind über zurückhaltende Empfehlungen aber eben alles andere als erfreut.
Unbequeme Unternehmen
Zudem deuten renommierte Firmen eine Abstufung oder gar ein "Sell" als Kriegserklärung. Das kann insbesondere in kleinen Märkten - wie etwa in Wien - höchst unbequem werden. Wie unangenehm negative Bewertungen sein können, bekam der Luftfahrt-Experte der Credit Suisse First Boston vor zwei Jahren zu spüren. Er flog vier Tage, nachdem er der Swissair, dem damaligen National-Heiligtum der Eidgenossen, ein schlechtes Zeugnis ausstellte, hochkantig aus der Bank. Ein Jahr später schlitterte die Swissair in die Pleite. Geschickter war der Kollege aus der Zürcher Kantonalbank, er zog dem "Sell" ein "Underperform" vor.
Die bis vor kurzem gegenüber großen Werten an den Tag gelegte Nachsicht läßt sich auch an den Empfehlungen des Jahres 2001 ablesen. Bis zum Herbst des Vorjahres - also in einer Phase des Börsen-Crashs - lautete gerade ein Prozent der Empfehlungen für die 500 wichtigsten US-Aktien auf "Sell". Per Anfang September hat sich dieser Wert laut Thomson First Call bereits verfünffacht (siehe unten).
Mit derartig eindeutigen Bewertungen geizen heimische Analysten noch. Allerdings schneiden die österreichischen Experten mit ihrem Bewertungssystem vergleichsweise gut ab. "Wir verwenden seit 1999 nur mehr vier Empfehlungen: Sell, Hold, Buy und Strong buy", meint Alfred Reisenberger, Leiter der Analyse-Abteilung der BA-CA. Zum Verkauf wird ein Titel empfohlen, wenn das Kursziel auf Zwölfmonats-Sicht um mehr als zehn Prozent niedriger erwartet wird, ein "Strong buy" gibt es wiederum, wenn der Kurs in Jahresfrist um mehr als ein Viertel höher liegen sollte.
Auch in der Erste Bank ist eine deutlich schärfere Gangart zu beobachten. Allerdings kommt dort noch ein etwas breiteres Bewertungssystem zur Anwendung. Neben dem Kursziel geben die Erste-Analysten auch noch eine Einschätzung des Branchenumfelds einer Aktie bekannt. Für Kleinanleger sei eine Reduzierung der Anzahl der Empfehlungen zwar förderlich, größere Investoren erwarten sich aber zusätzliche Infos, heißt es in der Ersten. Wenn einem Wert ein Kursanstieg in Höhe von zehn Prozent in Aussicht gestellt wird, könnte etwa ein "market underperform" folgen. Das hieße, daß sich die Aktie trotz positiver Erwartungen schlechter entwickelt als etwa ein Konkurrenz-Titel aus der Branche.