Humpi, Dumpi, Grüne zum Mieten und das Hoffen auf 107 Prozent

Derart viel Zuwendung wie in diesem Wahlkampf haben die Wiener noch selten erfahren. Kein Wunder: Die 1,110.321 Wahlberechtigten entscheiden, ob SPÖ oder ÖVP stärkste Partei wird, ob die Grünen ihr Wahlziel erreichen und ob es die FPÖ zerbröselt.

WIEN. Jetzt heißt's schnell sein: Knapp vor 20 Uhr, die zwei Mitarbeiter der FPÖ klopfen an die Tür im Gemeindebau am Schöpfwerk. In 15 Minuten beginnt der Hauptabendfilm, dann wäre jede Störung potentieller Wähler massive Parteischädigung. Der Herr, der die Tür öffnet, erhält ein kleines Sackerl: Zwei blaue Elefanten ("Humpi" und "Dumpi"), einen Kugelschreiber und viel Papier. Der Herr nimmt's zur Kenntnis, dankt und enteilt zum TV.

Ein paar Bezirke weiter kommt Christoph Chorherr gerade erst richtig in Fahrt. Der Klubobmann der Grünen sitzt in einer Wohnung vor zehn, 15 Menschen und erklärt grüne Politik. "Book a Green", nennt sich die Aktion, bei der man sich einen Grün-Politiker nach Hause bestellen kann.

Man hat sich in Wien einiges einfallen lassen, um die Wähler zu beglücken und für sich zu gewinnen. Schließlich geht's um viel: Ob die ÖVP oder die SPÖ stärkste Partei wird, hängt an Wien. Ob es die FPÖ zerbröselt oder nicht - Wien. Und: Ob die Grünen bisher unbekannte Wählergunst erfahren, entscheidet sich vor allem in der Bundeshauptstadt. Entsprechend sind die Wunschergebnisse der Parteien, die zusammengezählt jenseits der 100 Prozent ergeben.

Bescheidene SPÖ

Noch am bescheidensten gibt sich die erfolgsverwöhnte Wiener SPÖ. Ein Vierer solle schon vor der Prozentzahl sein, meint Parteichef Michael Häupl. Im Vergleich zur Gemeinderatswahl 2001 (46,91 Prozent) wäre das ein Minus von fast sieben Prozent - im Vergleich zur Nationalratswahl 1999 (37,9 Prozent) ein Plus von 2,1 Prozent. SP-Landesgeschäftsführer Harry Kopietz schraubt hoch: 42 Prozent. Gekämpft hat man jedenfalls ordentlich: "Hausherr" Häupl wurde täglich zu einem Wahlauftritt verpflichtet, während SP-Spitzenkandidat Alfred Gusenbauer in erster Linie die Bundesländer besuchte. Das oft zitierte SP-Gegenmodell zum VP/FP-regierten Bund wurde aber nicht so laut propagiert, wie erwartet. Aus gutem Grund: Zu gut waren den Wienern noch die Gebührenerhöhungen bei Müll und öffentlichen Verkehrsmitteln in Erinnerung.

Besorgt blicken die SP-Strategen nach Niederösterreich und in die Steiermark. Dort betreiben die VP-Landeshauptleute Waltraud Klasnic und Erwin Pröll einen Wahlkampf, als ginge es um ihr eigenes Amt. Wenn in diesen Bundesländern die ÖVP die SPÖ überholt, sind die Wiener Ergebnisse nur noch zweitrangig. Und weil Klasnic und Pröll das Wahlkämpfen so gut beherrschen, holte sie Wiens ÖVP diese Woche in die Bundeshauptstadt. Die "Entwicklungshilfe", wie manche böse kommentierten, soll zum Traumergebnis verhelfen: 25 Prozent erwartet sich Alfred Finz, vorsichtiger ist sein Landesgeschäftsführer Norbert Walter: "23 Prozent aufwärts", gibt der vor. Bei der vergangenen Nationalratswahl kam die ÖVP in Wien auf gerade einmal 17 Prozent, bei der Gemeinderatswahl 2001 auf 16,4.

Investiert hätte man ja: 1,6 Millionen Prospekte hat allein die Wiener ÖVP drucken und bei 3000 Straßenaktionen verteilen lassen, bei 200 Veranstaltungen suchte man Kontakt zum Wähler und auch "Finz Minz" (Mintzuckerln) sollten Geschmack auf die Volkspartei machen. Daß es in Wien hart auf hart geht, zeigen die Schmieraktionen. Dreimal so viel Geld wie bei anderen Wahlkämpfen habe man diesmal aufwenden müssen, um beschmierte Plakate zu ersetzen, berichtet Walter.

"Bei uns sind diesmal keine Wahlplakate devastiert worden", berichtet ein darüber doch hörbar überraschter Wiener FP-Wahlkampfleiter Herbert Madejski. Möglicherweise ein schlechtes Zeichen, wenn man der FPÖ nicht einmal mehr die Plakate zerstört. Möglicherweise aber auch ein gutes Zeichen, wie Madejski meint: "Die Menschen lesen die Wahlprogramme, sie interessieren sich dafür." Bei 450 Standl-Aktionen habe man diese Erfahrung gemacht - und bei der Verteilaktion von 45.000 Sackerln in Wiens Gemeindebauten. Nach den anfänglichen Problemen auf Bundesebene laufe der Wahlkampf gut. "Wir haben alles gemacht, was man tun kann." Daher die zuversichtliche Ansage des Wiener Wahlchefs: "Es wird in Wien ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der ÖVP." Ergäbe also - nimmt man die Finz'sche Ansage von 25 Prozent - für die zwei Parteien bereits knapp 50 Prozent, dazu die 42 Prozent der SPÖ - blieben für die Grünen gerade einmal acht, neun Prozent.

Das ist Christoph Chorherr zu wenig. Er wolle ein Ergebnis über dem der Gemeinderatswahl (12,45 Prozent). 14 bis 15 Prozent wurden früher einmal genannt (womit man bei den Wunschzielen der vier Parteien bei etwa 107 Prozent liegt; noch nicht dazugerechnet die Prozent für die vier weiteren in Wien kandidieren Parteien: KPÖ, Sozialistische Linkspartei, Die Liberalen, Die Demokraten). 25 Prozent ihrer Wähler haben die Grünen in der Bundeshauptstadt - 15 Prozent müßten es also diesmal in Wien schon sein, will man österreichweit deutlich über die Zehn-Prozent-Marke kommen.

Chorherr als Koch

Und für dieses Ziel machte der Klubobmann der Grünen sogar Hausbesuche: Unter dem Motto "Book a Green" konnten Interessierte einen Grün-Politiker nach Hause oder in ein Lokal einladen. Voraussetzung: Es sind genügend Freunde da. Zwischen acht und 60 Menschen hätten an den Treffen teilgenommen, berichtet ein begeisterter Chorherr ("das bringt hundertmal mehr als Zettel-Verteilen"). Dazu kamen täglich etwa 15 Veranstaltungen auf Wiens Straßen. Die Stimmung, die er dabei erlebt habe, lasse ihn doch auf einen rot-grünen Wechsel hoffen, betont der Klubchef.

Ein Risiko gibt's aber noch: Heute, Freitag, will Chorherr im grünen "Frauenministerium" vor der Staatsoper für potentielle Wähler kochen.


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