Juli Zeh, für ihr Roman-Debüt "Adler und Engel" mit dem Deutschen Bücherpreis ausgezeichnet und diesjährige Gewinnerin des Rauriser Literaturpreises, im "Presse"-Gespräch über Wien und "Pop"-Literatur.
Unkompliziert und fröhlich hallt es aus dem Telephonhörer: "Hallo, hier ist Juli". Starallüren hat die 28jährige Leipziger Jusstudentin noch keine. Grund dazu genügend. Auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse wurde Juli Zeh für ihren Roman "Adler und Engel" (Verlag Schöffling & Co) mit dem Deutschen Bücherpreis für das beste Debüt ausgezeichnet. Am Eröffnungsabend der Rauriser Literaturtage (3. bis 7. April) folgt der mit 7270 Euro (100.000 S.) dotierte Rauriser Literaturpreis.
Die junge Literatin nimmt es locker: "Ich erwarte nicht, daß es mit dem Erfolg so weitergeht - meist gerät ein junger Autor, der gefeiert wurde, kurz darauf wieder in Vergessenheit und muß sich von Neuem einen Platz auf dem literarischen Markt erkämpfen." Doch: "Wie es auch kommt - ich schreibe sowieso, das habe seit 17 Jahren so gemacht."
Obwohl die derzeit boomende Pop-Literatur überhaupt nicht ihr Fall seien, zollt sie trotzdem Respekt: "Die Pop-Bewegung war in Deutschland wichtig: Viel zu lange bestand eine zu große Ehrfurcht vor der Literatur, ein verstaubtes Gefühl, das mit Goethe und Geniekult zu tun hat und anderen Künsten nicht entgegengebracht wird. Damit hat die Pop-Bewegung den Weg frei gemacht für junge Autoren. Man muß nicht mehr weißhaarig sein, um anerkannt zu werden."
Fieberhaft und skrupellos
Zehs Romanerstling "Adler und Engel", fiebertrunken geschrieben, fast überquellend vor rauschhaften Bildern voll Gewalt und Poesie, läßt in eine paranoide Welt abtauchen. Eine junge Radiomoderatorin sucht ein Thema für ihr Psychologie-Diplom. Skrupellos bedient sie sich am Schicksal von Max. Einst Yuppie und Karrierejurist, kokst er sich, getrieben von Schuldgefühlen, Erinnerungen, in den Tod.
Schritt für Schritt enttarnt sich neben Drogenschmuggel und Balkankrieg eine tragische Liebesgeschichte. Die Suche nach der Vergangenheit führt die kleine beinharte Zweckgemeinschaft von Leipzig nach Wien, wo sich die wuchernden Stränge verdichten.
Wer also ist diese Juli Zeh, deren Debüt so überschwenglich gelobt wie auch vernichtend kritisiert wurde? Ehrgeizig erscheint sie jedenfalls. 1974 in Bonn geboren, begann sie in Leipzig und Passau Jura zu studieren. Mit fast streberhaftem Erfolg: Sie legte in ihrem Jahrgang das beste Erste Staatsexamen in Sachsen ab. Gleichzeitig besuchte sie das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig.
"Ich schreibe schon, seit ich ein kleines Kind bin, vor allem lange Erzählungen. Jura ist aber inzwischen auch wichtig für mich geworden, nicht nur ein möglicher Broterwerb", erzählt Juli Zeh von ihrer doppelten Berufung.
Mit der Liebe nach Wien
Entscheiden möchte sie sich nicht, denn "Jus und Literatur haben sich immer gegenseitig ergänzt und befruchtet." Ihr juristisches Spezialgebiet: Internationales und Völkerrecht. Diese Arbeit, besonders die dazugehörigen Reisen wie nach Krakau und ins ehemalige Jugoslawien, fließen unverkennbar in ihre Geschichten ein.
Auch Wien spielt in "Adler und Engel" eine Schlüsselrolle. Die Liebe zog Zeh einst hierher. Sie verbrachte die Ferien bei ihrem damaligen Freund, jobbte als Kellnerin im Wiener Lokal "Reigen": "Wien war meine Lieblingsstadt, der Ort, der mich am meisten faszinierte und inspirierte."
Doch diese Begeisterung, gibt sie zu, wurde in der Zwischenzeit von anderen Städten wie Zagreb und Sarajewo überlagert. Der Krieg in Bosnien, die brutalen Privatarmeen, die Gewinnemacherei mit dem Leid verwendet sie in ihrem Roman nicht nur dramaturgisch als Rahmenhandlung. Die Tragödie scheint tief verwurzelt in den Seelen zu lauern, die Schicksale zu bestimmen. Zeh: "Die politische Botschaft ist kurz gefaßt: Völkerrecht und vor allem Menschenrechte können schnell ideologischen Charakter annehmen, ohne daß es uns bewußt wird. Man muß aufpassen, daß nicht das Erstellen globaler Regeln den Platz einnimmt, der bis vor kurzem von Ideologien besetzt gehalten wurde und noch früher von der Religion."
Was hält Zeh von Peter Handke und seiner viel kritisierten "Gerechtigkeit für Serbien"? "Handkes Text wäre eher mit meinem neuen Buch Die Stille ist ein Geräusch zu vergleichen - dort schreibe ich einen Reisebericht über Bosnien-Herzegowina, von der Gattung, möglicherweise auch Intention her ähnlich wie bei Handke." Doch: "Handkes Text sollte auch Provokation sein - daran ist mir nicht gelegen." Wichtig ist für Zeh ein Korrektiv gegen die mediale Schwarzweiß-Malerei. "Ich ärgere mich immer wieder darüber, welch krasse Fehlvorstellungen bei der konfliktbegleitenden Berichterstattung geschaffen werden."
Was ist Pop-Literatur?
Die stark pessimistische, streckenweise erschreckend gefühlskalte Stimmung in "Adler und Engel" ist mit Zehs nach außen gekehrtem heiteren Wesen schwer in Verbindung zu bringen. Ihr Prinzip: "Die Welt des Autors und die Welt in seinem Werk müssen immer auseinander gehalten werden." In dieser Attitüde unterscheidet sie sich wohl am stärksten von der deutschen "Pop"-Literatur. Junge Autoren wie der 27jährige Benjamin von Stuckrad-Barre bauen auf den Gleichklang ihres coolen, medial zelebrierten Lebens mit ihrem Schreiben.
Durch ihr Alter und den schnellen Erfolg hätte Zeh sich gut in den schwammigen Sammelbegriff "Pop" einordnen lassen, der sich am ehesten durch schnoddrig, schlampig geschriebene Alltagsbeweihräucherung auszeichnet - was weder stilistisch noch inhaltlich auf Zehs Debüt zutrifft. "Was Pop ist, weiß ich nicht genau - gut lesbare Literatur, die zeitgeistgemäß sein möchte, sich laut zum Unterhaltungsfaktor-Faktor bekennt."