Alter der Welt im Raum der Erinnerung

Anselm Kiefer wagte sich in Salzburg an sein erstes Werk für den öffentlichen Raum - im Park gegenüber dem Festspielhaus hütet es leuchtend sein Geheimnis.

Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Anselm Kiefer. Die Namen sind verwoben zu einem Dickicht dunkler Erinnerungen, einem mystischen Gebilde, dessen Vertreter auf Erden heute der große Maler der deutschen Vergangenheit ist.

Ein Konzentrat dieser Verbundenheit manifestiert sich in der Jetztzeit unübersehbar in Salzburg. Denn hier, zwischen Festspielhaus und Alter Universität, im Wilhelm-Furtwängler-Park, erstrahlt ein heller Kubus aus 400 Betonquadern. Ein Grabmal? Ein Heiligtum? Ein Schrein? Ein Geheimnis. "AEIOU für Ingeborg Bachmann" heißt der Ort, Kiefers erstes Werk, das er dem öffentlichen Raum aussetzt.

Für den in der Vergangenheit wegen seiner Aufarbeitung der Nazi-Ästhetik oft mißverstandenen Maler ein Wagnis. Überraschend auch, daß er dafür Salzburg wählte, ist sein Werk in Österreich doch seltsam unterrepräsentiert, scheint trotz Sammlungsbeständen in den Museen versteckt gehalten.

Anders die im vergangenen Jahr gegründete Salzburg Foundation. Sie lud den zu den bedeutendsten Malern der Nachkriegszeit zählenden Kiefer ein, die Stadt zu erfahren und das künstlerische Ergebnis zu verwirklichen. Er ist der erste einer Reihe internationaler Künstler, die in den nächsten neun Jahren die zum Unesco-Welterbe zählende Altstadt in einen Skulpturenpark verwandeln sollen.

Der Beginn dieses Unterfangens ist gelungen. Kiefers präzise Inszenierung verfehlt ihre soghafte Wirkung nicht. Über die Schwelle durch die hohe Flügeltür getreten, gelangt man ins Innere. Im Raum herrscht eine hoch konzentrierte Atmosphäre. Die Wände verhindern ein Zurückweichen vor den aufgeladenen Arbeiten, die durch ihre enorme Größe jedoch immer die Flucht in die Bildwelten hinein ermöglichen, deren Grenzen Kiefer aufhebt: "Ich denke nicht linear. Ich bewege mich gleichzeitig in zwei Richtungen - in die Vergangenheit und in die Zukunft."

Beängstigend für die sich ihrer Grenzen Bewußten. So findet man sich in dem Kubus gefangen, bedrängt. Die linke Wand füllt ein Bild aus Sand und Lehm. Der darüber gewundene rostige Stacheldraht treibt zur anderen Seite - doch eine Dornenwand stößt auch hier zurück. Fordernd quillt das spitze Gestrüpp aus einem von Kiefers bleiernen Bücherregalen, das die Erinnerungen birgt. Es bleibt der Blick nach vorne: Auf der weißen Wand steht das verrätselte Motto von Kaiser Friedrich III.: "AEIOU".

Es gab den Titel für das Werk, doch enthüllt es weniger als die Inschrift des Bildes, ein Zitat aus Ingeborg Bachmanns Gedicht "Das Spiel ist aus": "wach im Zigeunerlager und wach im Wüstenzelt, es rinnt uns der Sand aus den Haaren, dein Alter und mein Alter und das Alter der Welt mißt man nicht mit den Jahren". Darunter: "Für Ingeborg Bachmann", die Kiefer als wichtigste Dichterin des Jahrhunderts bezeichnet. Er bildet ihre Brücke nach Salzburg: "Ich führe ein Gespräch mit ihr - es ist nicht bedeutend für mich, ob jemand tot ist oder lebt."

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