Sein Auge machte unvergeßlich: Abschied von einem Pop-Ästheten

Herb Ritts, der Photograph der Stars, starb am Donnerstag mit fünfzig Jahren in Los Angeles an den Folgen einer Lungenentzündung. - Gutes Business, gute Kunst - Sinnliche Strandphantasie

Für ihn warfen sich die Hollywoodstars mit all ihrer Intensität in Pose, für ihn schmiegten sich Naomi, Cindy, Tatjana, Stephany und Christy - die Top-Models der achtziger Jahre - wie Gott sie schuf aneinander. Madonna setzte sich keck die Minnie-Maus-Ohren aufs damals noch ungestüme Haar, Boris Becker ließ die Hüllen fallen, Jack Nicholson schwelgte in der Maske des Diabolischen, und so manch andere Maske schien sich wie bei Liz Taylor zu lüften. Doch nie legte er das Alltagsgesicht offen, nie nahm er unseren Stars ihr Geheimnis, ihren Glamour.

Herb Ritts war ein Meister der Inszenierung, setzte schöne Körper und gepflegte Images ins passende Licht und rückte darin auch Schattenseiten zurecht: Der gelähmte Schauspieler Christopher Reeve sowie Physiker Stephen Hawkings ließen sich vom Kalifornier porträtieren, der schmächtig und mit Brille an den netten Jungen von nebenan erinnerte.

Am Donnerstag, zwei Tage nach Weihnachten, starb der 1952 in Los Angeles geborene "Starphotograph der Stars" an den Folgen einer Lungenentzündung. Im Alter von nur fünfzig Jahren. Ein "american dream" erreichte so sein abruptes Ende - vom Rattan-Möbel-Vertreter zum Cover-Photographen von "Vogue", "Elle" und "Rolling Stone".

1978 schoß er während einer Reifenpanne nur einige Photos von einem seiner Freunde, der damals noch ein unbekannter Schauspieler war. Diese Aufnahmen eines noch ziemlich rotzigen Richard Gere, im Unterleiberl vor dem hochgehievten Auto posierend, begründeten die Karriere von Herb Ritts. Es folgten Aufträge von Magazinen, Serien mit Brooke Shields, Elizabeth Taylor.

Gutes Business, gute Kunst

Nach seiner Ausbildung fragte man ihn nicht, hatte er doch eigentlich Wirtschaftswissenschaften studiert, bevor er ins Möbelgeschäft seiner Eltern in West Hollywood einstieg. Doch damit war es jetzt sowieso vorbei, ganz nach Warhols Motto: "Gutes Business ist gute Kunst". Innerhalb kürzester Zeit stieg Ritts zu einem der teuersten und begehrtesten Modephotographen auf, erarbeitete Kampagnen für Luxus-Labels wie Chanel, Valentino, Versace, Calvin Klein.

In die großen Museen schaffte es Ritts seit Mitte der achtziger Jahre aber mit seinen charakteristischen Porträts in schwarzweiß: Nelson Mandela, der Dalai Lama, Michail Gorbatschow und auch Halbberühmte wie Monica Lewinsky verdanken Ritts wohl einige ihrer markantesten Aufnahmen, manche wagt man auch als Kultbilder zu würdigen. 1997 gastierten seine großformatigen, teuer gehandelten Photographien erstmals in Europa - im Kunsthaus Wien.

Sinnliche Strandphantasie

Eines der wohl sinnlichsten Videoclips verdankt Ritts jedenfalls die Musikwirtschaft: 1990 drehte er für Chris Isaaks Hit "Wicked Game" eine herrlich traurige Strandphantasie mit dem Top-Model Helena Christensen - natürlich in schwarzweiß. Der Sender MTV dankte ihm seine Arbeit mit zwei Awards.

Die Pop-Ära hat mit Herb Ritts einen ihrer besten Illustratoren und Interpreten verloren. Sein intuitives Gespür für klare Linien und starke Formen machte ihn unverletzlich, wie die glänzenden stählernen Körper, die er in seinen Bildern zwischen Feuer und Eis erstarren ließ. Er lebte noch für und mit den echten Stars, deren hartnäckig konstruierter Stil sie in der Medienwelt unverwechselbar und liebevoll vertraut machte - an ihren Lippen hingen die Herzen, denen Herb Ritts sein Auge lieh.

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