Let's rock, dachte sich verblüfft das Sonnenpferd

Design aus Österreich: Eoos arbeiten mit ihrer mythisch-poetischen Strategie für Armani wie auch für Wolkersdorf.

Eoos funktioniert nach dem Prinzip einer Rockgruppe. Es ist der Sound, der das Design von drei Österreichern unverwechselbar macht - "es ist wie eine Jam Session", schwärmt Martin Bergmann von seiner Arbeit: "Es wird erzählt, gegessen, geschrieben, ins Kaffeehaus gegangen, gezeichnet". Nicht nur die Kunden, auch die Designer selbst sind meist vom Ergebnis verblüfft, "denn es ist immer mehr, als einer allein denken könnte - es kommt aus dem Bauch".

1995 setzten drei Studenten der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst auf ein gemeinsames Pferd - und zwar auf Eoos, eines der vier Sonnenpferde der griechischen Mythologie. Nach diesem Fabelwesen benannten Martin Bergmann, Gernot Bohmann und Harald Gründl ihre Ideen-Werkstatt.

Möbelentwurf und Rauminszenierung stehen an der Spitze ihrer Interessen. Moderne Ledermöbel kreieren sie etwa für das italienische Traditionsunternehmen Matteograssi, noble Büromöbel für die deutsche Marke Walter Knoll. Für einen kanadischen Produzenten entwickelte man den Netchair, in dessen changierendem Material man sanfte Lichtspiele von Baumwipfeln im Wind zu erkennen vermeint. Wichtig ist: "Das Möbel soll einen als Menschen nicht lächerlich machen", erklärt Bergmann.

Begonnen hat der Erfolg, als die drei noch studierten - im ersten Jahrgang der von Paolo Piva geleiteten Studienrichtung Industrial Design an der Angewandten: Der an eine Mutprobe erinnernde Becher für Red Bull - in der Mitte erhebt sich ein Dorn zum Öffnen der Dose - wurde 1998 mit dem Österreichischen Staatspreis für Design ausgezeichnet.

Poesie und Ritual

Bis heute konnte Eoos Kunden von Armani bis Red Bull von ihrer eigenwilligen Strategie überzeugen. Bergmann: "Unser Werkzeug ist die poetische Analyse. Wir forschen nach kollektiven Bildern, Ritualen und Geschichten."

Gelungen ist das etwa bei den Fragrance-Shops - den Verkaufsständen für die Parfums- und Kosmetiklinie - des Modelabels Armani. Totem-Tiere wurden erdacht, um das Kaufverhalten von zwei Zielgruppen zu analysieren: Ein Adler steht für die jüngeren Kunden, die ihre Beute im Flug ergreifen - und für die finanzstärkere Dame ein edler Löwe, der genüßlich lauert, bevor er kräftig zuschlägt. Dementsprechend angepaßt wurde dann das Design. Die Idee ging auf, inzwischen gibt es weltweit 40 dieser Shops.

Für die Flagship-Stores von Adidas bediente man sich beim Szenario eines einfachen Straßenmarktes: Stöbern an niedrigen Tischen, Produkte wie auf Teppichen ausgebreitet.

Besonders stolz ist man auf einen Entwurf für Alessi: Nach Form einer tibetischen Stupa gestapelt, kann man den Geschirrturm zu einem europäischen Frühstücksservice zerlegen. Ein Clash der Kulturen? In Serienproduktion ging das Service nicht, sondern landete im hauseigenen Museum von Alessi - und, freut sich Bergmann - auf dem Regal von Alberto Alessis Lieblingsstücken hinter seinem Schreibtisch.

An den Schreibtischen von Eoos sitzen heute zwölf Mitarbeiter aus Italien, England Deutschland und Taiwan. Warum sie bei ihrer internationalen Kundschaft ihr Hauptquartier noch immer in Wien haben? "Lebensqualität" nennt Bergmann als einen Grund. Reichlich sentimental, findet man doch das "Socializing" beschwerlich: "Um die richtigen Leute zu treffen, müssen wir meist ins Ausland reisen."

Aufträge in Österreich selbst sind selten, die Nachfrage nicht vorhanden. Doch: "Wichtiger als zu wachsen ist, Unternehmen zu finden, mit denen man arbeiten kann, die der Gesellschaft etwas geben und Verantwortung tragen wollen."

Nach Wolkersdorf, ihrer ersten Zusammenarbeit mit einer Gemeinde, haben es Eoos allerdings nicht weiter als eine halbe Stunde. Vor drei Jahren wurde der Wettbewerb für die Stadt-Möblierung und ein neues Leitsystem gewonnen. Jetzt wurden vor Ort die ersten Prototypen zum Test aufgestellt: Wartehäuschen, Sitzbänke, Radständer, Wegweiser, Straßenleuchte, Poller. "Das ganze ist ein Modulsystem, dem man es nicht ansieht. Es reagiert auf die Bedürfnisse des Ortes, wie ein Schweizer Taschenmesser", beschreibt Bergmann.

Schwebende Bänke

Den Eindruck bestimmt die wiederkehrende Grundform des Rahmens, viel Glas, dunkle und helle Sitzflächen aus Cristalit, einem Material, das sonst für Abwaschbecken verwendet wird - und in der Nacht das Licht, das Glasflächen leuchten und Bänke schweben läßt: "Jedes Objekt muß eine Tages- und Nachtseite haben: Unter Tags kommt die Familie, am Abend müssen auch Verliebte Platz finden."

Doch die Idee von Eoos reicht weit über das Mobiliar hinaus: "Ursprünglich ging es um Identität", erzählt Bergmann während eines Probesitzens auf der Parkbank. "Das Problem war, wo fängt Wolkersdorf an, wo hört es auf?" Mit leuchtenden Toren, Lichtsäulen und -bändern wollen sie Grenzen betonen, den Hauptplatz stärker verankern.

Im Herbst wird die Bevölkerung befragt und über das Konzept abgestimmt. Bleibt nur zu hoffen, daß sich Wolkersdorf für die Poesie entscheidet.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.