Brigitte Hamann hat es geschafft: Die notorische Aufregung rund um den Beginn der Bayreuther Festspiele gilt diesmal nicht dem Wagner-Clan, auch nicht dem neuen "Tannhäuser", sondern ihrem jüngsten Buch.
Die Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele sind seit Jahr und Tag ein Born der mehr oder weniger politisch motivierten Aufregungen. Kein Sommer vergeht ohne heftige Wortgefechte zwischen den Erben des Komponisten. In den vergangenen Jahren ging es dabei vor allem um die Frage: Tritt Wagner-Enkel Wolfgang zurück oder nicht, gibt er den Weg frei für die Urenkel-Generation?
Die Antwort lautet seit dem Vorjahr eindeutig: Wolfgang Wagner tritt nicht zurück. Er denkt gar nicht daran. Wortgewaltig und schlau wie eh und je lenkt er die Geschicke des 1876 vom Großvater gegründeten und nur dessen Werken vorbehaltenen Festivals. Und plant bereits bis 2006. Daß er jetzt 82 ist, stört ihn nicht im geringsten. Selbst mächtige bayerische Kulturpolitiker holten sich kalte Füße, als sie 2001 versuchten, den großen alten Mann - er feiert heuer sein 50-Jahr-Jubiläum als Regisseur im Festspielhaus - auszuhebeln.
So verkündete denn auch Bayerns Kunstminister Hans Zehetmair, er fahre heuer "völlig entspannt nach Bayreuth", denn es laufe "alles sehr gut". Im Vorjahr las man's noch anders. Denn Zehetmair war einer der Wortführer einer raschen Ablöse Wolfgang Wagners. Ein Konsortium von Entscheidungsträgern, die, wie sich später herausstellte, keine waren, bestimmte Wolfgangs Tochter Eva zur Nachfolgerin. Allein: Alles zerschellte am Widerstand des großen Alten auf dem sogenannten "Grünen Hügel". Wolfgang Wagner pochte auf seinen auf Lebenszeit abgeschlossenen Vertrag.
Eva Wagner selbst zog bald die Konsequenzen und stand plötzlich "nicht mehr zur Verfügung". Die Kulturpolitik bestimmte einen unauffälligen Musikwissenschafter, Klaus Schutz, zum "Assistenten". Den akzeptierte Wolfgang Wagner ohne mit der Wimper zu zucken.
Gesichtsbad
Angesagt zur Festspieleröffnung waren diesmal Bundespräsident Rau, der ungarische Staatspräsident Ferenc Madl, Österreichs Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, der bulgarische Ministerpräsident Simeon von Sachsen-Coburg und Gotha, die EU-Granden Pat Ox und Günter Verheugen. Nicht zu reden von den zahlreichen deutschen Politikern, die sich die Chance eines Gesichtsbads in der Menge vor dem wohl berühmtesten Festspielhaus der Welt nicht entgehen lassen.
In diesem Ambiente hat die Politik jeglicher Couleurs immer schon gern Empfänge gegeben. Notorisch in der Zeit des Nationalsozialismus, als Adolf Hitler noch unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die Kulisse des deutschen Kulturerbes mißbrauchte.
Womit wir bei einem Thema sind, das in Bayreuth heuer weitaus mehr als zuletzt diskutiert wird. Der Grund dafür: Das Thema Wolfgang Wagner ist pass©. Viel lieber aktiviert man wieder einmal die historischen Verknüpfungen zwischen der Bayreuther Führungselite und dem Nationalsozialismus.
Wobei die Wurzeln hier tatsächlich beim Komponisten selbst zu finden sind, der in seiner schmalen, aber explosiven Schrift über "Das Judentum in der Musik" scheinbar eine Grundlage für die nationalsozialistische Menschenverachtung geschaffen hat. Daß hier gern Äpfel mit Birnen vermengt werden, stört niemanden so recht. Faktum ist, daß Bayreuth unmittelbar nach Wagners Tod über familiäre Verbindungen, etwa zu dem Ideologen Huston Steward Chamberlain, zu einem Hort nationalistischer Gesinnung wurde.
Schon die Wagner-Witwe (und Franz-Liszt-Tochter) Cosima machte aus ihren diesbezüglichen Vorlieben und Antipathien nie ein Hehl. Die folgende Generation verfestigte das "völkische" Gedankengut geradezu zu einer Bayreuther Ideologie. In dieses Umfeld heiratet in der Zeit des Ersten Weltkriegs die blutjunge Waise Winifred Williams ein. Spät, aber doch, findet der für seine homosexuellen Neigungen bekannte Sohn Richard Wagners, Siegfried, eine Frau, die ihn zu domestizieren versteht. Während der Wagner-Erbe schwach und von seiner Umwelt gegängelt erscheint, übernimmt Winifred rasch das Szepter. Sie gebiert den ersehnten Nachwuchs, voran die Söhne Wieland und Wolfgang.
Hier setzt die jüngst veröffentlichte und zum Bestseller avancierte Biographie Brigitte Hamanns an. Sie stellt Winifred Wagner ins Zentrum ihrer Betrachtungen und entwickelt daraus ein Psychogramm des deutschen (Kultur)Wesens der Zeit des Aufstiegs der Hitler-Partei.
Kaum jemand, das wußte man zuvor, stand Hitler so nahe wie Winifred, die dem "Führer" von Anfang an freundschaftlich verbunden war. An kaum einer Familie läßt sich auch die verhängnisvolle Mixtur aus unreflektierter Deutschtümelei und blindem Führerglauben, die sich im Deutschland der zwanziger und dreißiger Jahre entwickelte, so deutlich ablesen wie an der Wagner-Dynastie.
Hamann hat, wie das ihre Art ist, alle Fakten, die sie finden konnte, akribisch zusammengetragen und hat sie, wie gewohnt, ebenso akribisch ausgewertet. Entstanden ist dabei weit mehr als der Titel des umfangreichen Buches verrät, weit mehr als die Biographie einer bemerkenswert energischen Frau (die noch in den siebziger Jahren kein Hehl aus ihren Überzeugungen machte), weit mehr auch als die Skizzierung von "Hitlers Bayreuth".
Glorie abmontiert
Die Souveränität von Hamanns "sine ira et studio" geschriebenem historischen Abriß hat, wie so oft, bereits Historiker auf den Plan gerufen, die eifersüchtig von mangelndem kritischen Bewußtsein sprechen, wo sie doch spürbar nur die unanfechtbare Methode der Hamann kritisieren, die Fakten lesbar und spannend zu einer sauber recherchierten Geschichte verdichtet.
Nun spricht man in Bayreuth über das Werk und vernimmt die kritischen Stimmen von Wagner-Erben wie Wielands Tochter Nike, die der Biographin vorwirft, ihr wären nicht alle Dokumente zugänglich gewesen. Allein, was Hamann vorlag, genügte, um ein neues, jedenfalls vorurteilsfreies Bild von Bayreuth und seinen politischen Konnotationen zu zeichnen. Sicher ist, daß Hamanns Buch jedenfalls den Glorienschein um eine Figur gründlich abmontiert. Während die Betrachtung Winifreds auch manch milderndes Argument ins Treffen führt, ist die Analyse des Werdegangs von Wieland Wagner bis 1945 niederschmetternd. Der nachmalige Retter und von der avantgardistischen Schickeria gehätschelte ästhetische Erneuerer Bayreuths war Hitlers liebster "Unabkömmlicher", der sogar als eine Art "Lagerleiter" aktiv werden mußte.
Daß Bayreuths Publikum in den notorischen einstündigen Pausen zwischen den Opernakten der Diskussionsstoff ausgeht, ist also auch 2002 nicht zu befürchten.