Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 bis 1716), dem Philosophen, Mathematiker, Physiker und Techniker, gilt eine Ausstellung in der Akademie der Wissenschaften. Werden Leibniz' Monaden wieder modern? Oder sind es doch "nur" seine Rechenmaschinen? Zu einer - scheinbaren - Wiederannäherung von Physik und Metaphysik.
"In der geringsten Materiepartikel gibt es eine Welt von Geschöpfen, von Lebewesen, von Tieren, von Entelechien und Seelen. Jede Materiepartikel kann als ein Garten voller Pflanzen und ein Teich voller Fische aufgefaßt werden" (Monadologie, ¶¶ 66/67). So ernst es Gottfried Wilhelm Leibniz mit der Mathematisierung der Metaphysik war - solche Passagen atmen geradezu mystischen Geist.
Vielleicht sind gerade sie es, die manche Physiker, Mathematiker und Biologen heute wieder begeistern. Den Kosmologen Lee Smolin etwa, der sich in seinem Buch "Warum gibt es die Welt?" expressis verbis auf Leibniz berief: In sein Bild einer Evolution der Universen paßte natürlich Leibniz' Satz von der besten aller möglichen Welten gut.
Aber auch die aus der mittelalterlichen Mystik stammende Idee vom Makrokosmos im Mikrokosmos könnte Physiker an ihre Teilchen erinnern, aus denen sich - mit genügend Energie - zwar keine Gärten voller Pflanzen und Teiche voller Fische, aber doch Fluten anderer Teilchen erzeugen lassen, was den atomistischen Gedanken gewissermaßen aufhebt. Und Chaosforscher dürfen an ihre unendlich ineinander verschachtelten Fraktale denken, an die Muster (inklusive Apfelmännchen) Benoit Mandelbrots, die vor zehn Jahren so modern waren: Paisley mit Mathematik-Appeal!
An einer Schautafel in der Aula der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, zwischen den üblichen Schwarzweiß-Darstellungen von Leibniz und Umgebung, sticht ein solches Mandelbrot-Muster bunt ins Auge. Es soll als "mathematisches Analogon zur Strukturvielfalt der Materie nach Leibniz" dienen, heißt es in der kargen Legende.
Führt also moderne Physik mit Leibniz' Hilfe geradewegs zur Metaphysik? Vorsicht. Leibniz selbst hat seine Monaden als "einfache Substanzen" ("ohne Teile") erklärt, damit aber nicht gemeint, was wir heute unter Substanz verstehen: etwas Materielles. "Monade ist das Immaterielle eines Lebewesens, also die Psyche eines Menschen, das Empfindungsvermögen eines Tieres oder sogar einer Pflanze", wird auf einer Schautafel in der Ausstellung erklärt. Auffällig, daß das Wort "Seele" vermieden und statt dessen die naturwissenschaftlicher klingende "Psyche" verwendet wird!
Seele, nicht Begriff!
Denn Leibniz schrieb "Seele" ("ame"): So könne man jene Monaden nennen, "deren Perzeption deutlicher und von Gedächtnis begleitet ist". Bestehen nach Leibniz auch nicht belebte Körper aus Monaden? Immerhin, sie enthalten welche. Das ist für Leibniz nicht dasselbe.
Der deutsche Philosoph Jürgen Mittelstraß, der den Festvortrag zur Eröffnung der Ausstellung hielt, will unter Monaden schlicht "begriffliche Einheiten" sehen. Aber wie kann eine begriffliche Einheit "ein immerwährender lebendiger Spiegel des Universums" sein? - Je länger man es versucht, umso mehr neigt man dazu, zu konstatieren: Leibniz' Metaphysik ist nicht mit unseren, durch die Naturwissenschaft und durch die Kantsche Kritik der reinen Vernunft geprägten Begriffswelten zu verstehen. Sie klingt nur manchmal so.
Gott und das Integral
Das liegt daran, daß derselbe Mann, der die Monadologie ersonnen und Gott die höchste Monade genannt hat, die Infinitesimalrechnung entwickelt hat. Gewiß: Man kann, wie das der Medienwissenschaftler Bernhard Siegert einmal getan hat, die Reihenentwicklung des natürlichen Logarithmus mit dem Satz "So gehen die Faltungen der Seele ins Unendliche" kommentieren - aber das bleibt ein poetischer Vergleich.
Genauso wie der Satz "Omnibus ex nihilo ducendis sufficit unum": Er läßt sich auf Gott beziehen ("Einer hat alles aus Nichts gemacht") und auch auf das duale Rechensystem (Mit eins und null kann man alle Zahlen darstellen). Leibniz, der an Gott und das duale System glaubte, hat wohl mit dieser Doppeldeutigkeit gespielt - das heißt aber nicht, daß die beiden Interpretationen inhaltlich verwandt wären. Gott war auch für Leibniz nicht zahlengleich.
Leibniz' vorkritischer Idealismus ist geradezu dem strengen naturwissenschaftlichen Weltbild entgegengesetzt: Wo dieses alles, auch Psyche und Bewußtsein, aus der Materie begründen will, unterscheidet Leibniz zwar die Körperwelt von der Welt der Monaden, hält aber zugleich fest (in einem Brief an Pierre Dangicourt): "In der Natur gibt es nichts als Monaden, alles übrige sind nur Phänomene, die aus ihnen resultieren." Das heißt, die materielle Welt gibt es gar nicht.
Ob und wie dieser Idealismus zur modernen theoretischen Physik paßt, in der sich die Materie in unfaßliche Bestandteile, in mathematische Strukturen aufzulösen scheint, das wäre Debatten wert. Smolin hat sie nur angedeutet. In der - an der Universität Hannover unter Leitung von Erwin Stein und Karl Popp entstandenen - Ausstellung klingen sie kaum an.
Überhaupt spart die Ausstellung zu sehr an Texten, beschränkt sich auf typische knappe Schautafel-Erklärungen. Wie gut würden etwa die Anmerkungen Voltaires zu Leibniz (nicht nur in "Candide") passen!
Rechnen mit Kugeln
So wird primär ein - zurecht - respektvolles Allround-Bild des "Universalgelehrten" gezeichnet: von der Einführung des Integralzeichens über ein Modell zweier gekoppelter Pendel, deren Schwingungen Leibniz (freilich nicht bis in den chaotischen Bereich) berechnete, bis zu Rechenmaschinen und den Wasserpumpen, die Leibniz für den Oberharzer Bergbau entwarf.
Etliches kann der Besucher auch selbst spielerisch bedienen, etwa ein Gerät in schönster "Brio"-Holzspielzeug-Ästhetik, mit dem man duale Zahlen (die Leibniz einführte) mechanisch addieren kann. Die Kugeln entsprechen den elektrischen Impulsen, mit denen unsere Computer rechnen.
Auch ein Suchrätsel ist in der Aula plaziert: Ein Objekt in der abgebildeten Rekonstruktion von Leibniz' Arbeitszimmer paßt nicht dorthin - nicht aus metaphysischen, sondern aus schlicht historischen Gründen.
Bis 4. Oktober, Mo., Di., Do., Fr. 10 bis 18 h, Mi. 10 bis 20 h, Wien 1, Dr. Ignaz Seipel-Platz 2.
www.oeaw.ac.at