"Ein bisserl Kultur muß sein"

Von rosa Luftballons bis zu den Särgen im Wiener Bestattungsmuseum: Die "Lange Nacht der Museen" zog zum dritten Mal die Menschenmassen an.

600 riesige rosa Luftballons. Vroni hat einen ergattert. Doch die Freude der Neunjährigen ist schnell verflogen. Der Riesen-Ballon paßt nicht ins Auto. Der Vater überlegt: "Kann man den auslassen?"

Daß ihre Luftballons vom Museumsquartier direkt in die Kinderzimmer verschwinden, sei sowieso nicht geplant gewesen, erklärt die Künstlerin Judith Huemer. Das Konzept sei trotzdem aufgegangen: "Die Installation eignet sich das Areal und die Leute eignen sich die Installation an."

Andreas Vierziger ist einer der 221.000 Besucher, die es Samstag nacht in die Museen gezogen hat. Mehr als 300 hatten heuer in Österreich (und in Liechtenstein) geöffnet. Der Student findet gut, daß Menschen "quasi mit der Nase draufgedrückt werden, die sonst zu geizig sind - oder die es sich nicht leisten können."

Ein erschöpftes Paar ruht sich in der Kunsthalle aus. Nach dem Leopold-Museum, in dem viele Leute, aber wenige Lifte sind, genehmigen sich Peter Haberteuer (35) und seine Karoline Koller (23) eine Pause. Ob sie nur in der Langen Nacht Museen besuchen würden? "I geh sonst a", behauptet sie, und er: "Weniger . . ." Dann setzen beide wieder die Bierflaschen an.

Während Hunderte hin und her hasten, liest Walter Weiss in einer Ecke Zeitung. Seine Freundin sei in der Ausstellung "Lieber Maler, male mir . . .", erzählt der 67jährige, er selbst sei zu geschafft: ein Motorradunfall vor Jahren, ein ruiniertes Hüftgelenk. Zuvor hätten sie das Schmetterlingshaus besucht, doch "die Schmetterlinge ham schon alle geschlafen". Auch die Riesenblume, die noch zur Kriegszeit dort geblüht habe, vermißt der frühere Taxifahrer. "Als Wiener geht man normalerweise nicht in die Museen, nur gezwungenermaßen, wenn Besuch kommt."

"Ist das alles?"

Katharina Axmann sitzt im Freien. Die 17jährige Schülerin findet den Eintritt zur Langen Nacht viel zu teuer. Ob sie um den halben Preis hineingehen würde? "Mich interessiert das schon sehr." Obwohl ihr Museumsluft den Hals zuschnürt: "Da erstickst, bevor du was gesehen hast." Besonders im Naturhistorischen Museum riecht die Schülerin "einen schrecklichen Mief nach ausgestopften Viechern".

Zwischen den Museen verkehren Fahrrad-Taxis. Die Brüder Marco und Manuel Treven aus Klagenfurt treten für fußmüde Besucher in die Pedale.

Am Karlsplatz: die gespenstisch leere Kunsthalle. Ein Stummfilm in Schwarzweiß, ein einsamer Besucher sitzt davor. Ein Paar in den besten Jahren betritt den halbdunklen Saal, sieht sich um. Sie: "Ist das alles?" Er: "Das ist alles."

Achtmal würfeln: einmal rot, einmal blau. Die Farbe steht für das Instrument, die Zahl für den Takt. Im Haus der Musik komponieren Besucher nach dem Zufallsprinzip ihren "Wiener Würfelwalzer". Den Freundinnen Ulrike Böll (30) und Anja Mitter (27) ist alles zuviel: "Zuviele Menschen, zuviele Geräusche".

Im Hof des Bestattungsmuseums spiegelt sich Fackelschein im schwarzen Lack der Trauerkutschen. Nüchtern das Museum selbst: gläserne Schaukästen und grauer Spannteppich, Orangensaft und Knabberzeug. Die Besucherinnen Andrea und Irmgard Richter (39 und 48) schwärmen: "Liebevoll eingerichtet, gar nicht morbid." Christoph Ivenz (28) findet es "heimelig und familiär".

Langsam leeren sich die Museen. Auch Maria und Karin Tutschek (18) fahren nach Hause. Die Zwillinge waren zum ersten Mal in der Museumsnacht. "Einmal im Jahr geht's", lacht Maria, und Karin ergänzt: "Ein bisserl Kultur muß sein."

Geisterstunde in Mödling. Im Beethoven-Haus brennt noch Licht. Eine einsame Museumswärterin wartet auf Besucher. Die Enttäuschung steht ihr ins Gesicht geschrieben. "Nur fünf Leute waren da . . ." Ein Zimmer weiter das Beethoven-Klavier. Die junge Mödlingerin setzt sich an den Flügel und intoniert "Alle meine Entlein". Dann geht auch sie.

www.austrianmuseums.net

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