Eine Riesengeschichte

Mit Spannung erwarten die Musikfreunde die Uraufführung von Friedrich Cerhas neuester Oper nach einem Libretto Peter Turrinis: „Der Riese vom Steinfeld“ soll an den Sensationserfolg des „Baal“ aus den achtziger Jahren anschliessen.

Als sich Anfang der achtziger Jahre der Vorhang über der Uraufführungsvorstellung von Friedrich Cerhas Brecht-Oper „Baal“ im kleinen Salzburger Festspielhaus schloß, waren sich die Zuschauer und Zuhörer einig: Sie hatten einer Weltsensation beigewohnt. Selten gelang es vorher (und bisher kaum wieder danach), daß eine Komposition, obwohl sie auf die avanciertesten Klangmittel ihrer Zeit zurückgriff, von so unmittelbarer dramatischer Schlagkraft war. „Baal“ wollte man wiederhören. Als es in der Staatsoper nach Jahren möglich wurde, lauschte man ebenso gespannt wie damals, bei der ersten Präsentation. Und es war jüngst, daß man bei einem Festival in Deutschland bemerkte, wie es dem Publikum angesichts der „Baal“-Gesänge die Kehle zuschnürte. Diese Musik trifft den Hörer ins Mark – wie jede große Opernkomposition.

Nun hat Friedrich Cerha nach „Baal“ und „Der Rattenfänger“ seine dritte „richtige“ Oper geschrieben. Peter Turrini hat das Libretto gedichtet und nach den Wünschen des Komponisten, in dem er, wie er selbst sagt, den geborenen Dramatiker entdecken durfte, zurechtgebogen und vor allem: zurechtgestrichen. Turrini weiß beispielsweise zu erzählen, wie lang sein Text ursprünglich war und daß er etwa eine Liebesszene geschrieben hatte, die mehrere Seiten im Libretto verschlang. Cerha hat sie auf einen Satz reduziert und arbeitet im übrigen mit wortlosen Melismen. Er wird wissen, was er tut; und Turrini hat es akzeptiert, weil er die Kompetenz Cerhas keinen Moment lang anzweifelt.

Turrinis Vorbild

Die neue Oper basiert auf einer historischen Begebenheit, die in der Region um den Irrsee, in der sie sich ereignet hat, zu mythischer Dimension stilisiert worden ist. So genau kann sich zwar niemand mehr erinnern, dennoch: Es lebte dort einst ein riesiger Mensch. Mehr als zweieinhalb Meter soll er groß gewesen sein. Auf Jahrmärkten ist er als Attraktion aufgetreten, mit 27 ist er plötzlich wieder in seine Heimat zurückgekehrt, wo er ein Jahr später an einer Lungenentzündung starb. Das Grab des „Riesen vom Steinfeld“ hat Turrini gefunden. Es mißt tatsächlich 2,58 Meter. Den Dichter faszinierte der Lebensweg dieses Bauernburschen, der wegen seiner Größe der englischen Königin und dem deutschen Kaiser als Attraktion vorgeführt wurde. Turrini gestaltete die Geschichte als Parabel vom Außenseiter und die Frage nach den Vorgängen im Innern eines solchen Menschen. Georg Springer und Ioan Holender waren daran beteiligt, daß Turrini den Stoff als Opernthema behandelte. Friedrich Cerha zeigte sich zuletzt interessiert.

Mit Michael Boder hat die Staatsoper einen erstklassigen Dirigenten zu bieten, der vor den Anforderungen einer modernen Partitur nicht kapituliert, sondern sie als Herausforderung betrachtet. Mit Thomas Hampson fand man einen international renommierten Titelhelden. Jürgen Flimm, vieldiskutiert, soll inszenieren. Für Aufsehen ist also jedenfalls gesorgt. Und musikalisch scheint erste Qualität garantiert.

Staatsoper Wien: Friedrich Cerha: „Der Riese vom Steinfeld“. Prem. 15. 6., 19.30 Uhr

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