Grazer Opern-Dreh: Britten zum Gruseln

Einen Thriller, spannender als jeder TV-Schocker, zeigt die Grazer Oper mit Brittens "Turn of the Screw".

Man könnte die gesamte Operngeschichte als einen Versuch deuten, verborgene Winkel der menschlichen Seele auszuspionieren. Spätestens seit Anfang des 20. Jahrhundert gerieren sich die Komponisten ganz unverschleiert als Tiefenpsychologen. Von den musikalisch wie dramaturgisch inkonsistenten Talentproben eines Franz Schreker über die energischen, jedoch für den Bühnenbetrieb zu kurzen Einakter Arnold Schönbergs bis zu Prokofieffs "Feurigem Engel" spannt sich ein Bogen einschlägiger Sujets quer durch alle stilistischen Gefilde.

Benjamin Brittens "Turn of the Screw" nach Henry James darf vielleicht für sich in Anspruch nehmen, das wirkungsvollste dieser Psychodramen zu sein. Zwar ist Prokofieffs Werk effektvoll, stößt jedoch in ziemlich perverse Bereiche vor. Brittens Werk hingegen mutet an wie eine künstlerische Variante einschlägiger Chronik-Meldungen. Immerhin treiben hier ein heikles, leider allzu gegenwärtiges Thema wie der Kindesmißbrauch und dessen Folgen dramatische Blüten.

Die Handlung erzählt von einer Gouvernante, die in einem einsamen Haus zwei Kinder behüten soll. Sie wird in ein Geflecht psychologischer Beziehungen verstrickt. Geistererscheinungen von verstorbenen ehemaligen Dienstboten, die sich offenkundig an den Kindern vergangen haben, treiben die handelnden Personen in die Katastrophe.

Brittens Oper, gebaut wie ein Film-Thriller, zieht tatsächlich die Schraube von Szene zu Szene stärker an. Der Komponist arbeitet mit knappen, klaren Formen, die sich aus simplen, geradezu volksliedartigen Melodieteilchen entwickeln, deren Metamorphosen sich immer wieder zu aufregenden Höhepunkten verdichten. Die Tonsprache bleibt immer tonal, wenn auch durch Mixturen reizvoll verfremdet.

Mit Verve zum Weltformat

Das nur aus 14 Spielern bestehende Kammerorchester beleuchtet dem Hörer mit leicht faßbaren Gesten die Gefühlswelten der handelnden Personen. Kapellmeister Philippe Jordan erwies sich erneut als sensibler Führer durchs dramatische Geschehen, bringt das Grazer Orchester dazu, differenziert, farbenprächtig und oft auch sehr leise zu musizieren, setzt kräftige Akzente, provoziert packende Steigerungen.

So reißt die Spannung während der fast zwei Stunden dauernden, pausenlosen Aufführung nie ab. Da die Regie von G. H. Seebach gar nicht erst versucht, das komplizierte Geschehen durch irgendwelche Deutungen zu illuminieren, sondern in sachkundigem Realismus die Geschichte darstellt, ist die Phantasie des Publikums unablässig gefordert.

Im Einheitsbühnenbild von Hartmut Schörghofer, das uns Landhaus wie Garten andeutet, agieren die Sänger natürlich und sicher. Vokal gibt es im Ensemble keine echte Schwachstelle. Zwar läßt Claire Powell als Geistererscheinung der ehemaligen Kammerfrau einige geschärfte Töne hören, aber schon die Mrs. Grose von Fran Lubahn gibt glaubhaft die milde Beschwichtigungshofrätin. Phänomenal die beiden Kinder, Eimear McNally als Flora und der Tölzer Knabe Patrick Prasch in der zentralen Rolle des Miles, der an den Obsessionen zugrunde geht. Er singt nicht nur sauber, sondern agiert auch mit geradezu beängstigender Identifikation.

Vokale Höhepunkte setzen Mathias Zachariassen und Ann Petersen - die Kraftprobe zwischen dem ehemaligen Diener und der Gouvernante ist Kern der Handlung. Zachariassen bewahrt in allen, auch den höchsten tenoralen Lagen Langmut und Souveränität des sicheren Siegers. Als übernatürliche Erscheinung schwebt er über den Dingen.

Petersen gestaltet den menschlichen Zusammenbruch der geplagten Gestalt bewegend mit leuchtkräftigen Sopranphrasen.

Das Grazer Publikum lauschte und schaute gespannt. Es jubelte danach so einhellig wie ausdauernd. Das Opernhaus der Stadt hat wieder internationales Format gewonnen.

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