"Musical fürs Theater an der Wien ok"

Roland Geyer, Wiener Musikintendant, im Gespräch mit der "Presse" über künftige Festivals und das Theater an der Wien. Dessen Musicalbespielung verteidigt Geyer: "Ich persönlich habe große Bedenken, was ein Produzentenmodell anstelle des Musicals betrifft."

"DIE PRESSE": Massenets "Don Quichotte" beim Klangbogen-Festival. "Werther" war ein enormer Erfolg. Ist Massenet ein Schwerpunkt in Ihrem Konzept?

Roland Geyer: Nein, aber viele seiner Werke sind wenig bekannt. Außerdem habe ich mir Gedanken zum Thema "Traum, Vision, Ideal" gemacht und dem Klangbogen den Leitsatz "Vielleicht ist alles doch nur Traum" gegeben. Es gibt kaum einen literarischen Stoff, der so stark damit korreliert wie Cervantes "Don Quichotte".

Leoncavallos Decrescendo

Puccinis "Bohème" ist im ständigen Wiener Opern-Repertoire. Hat es Sinn, als zweite Festivalproduktion heuer die erfolglosere Vertonung des Stoffes von Ruggero Leoncavallo zu spielen?

Geyer: Erfolgloser in der Publikumsgunst heißt weder unspielbar noch schlecht. Außerdem ist es wichtig, dem heutigen Publikum jene Vertonung des Bohème-Stoffes zu präsentieren, die dem Originalroman von Murger viel besser entspricht. In einem großen Decrescendo wird bei Leoncavallo musikalisch wie szenisch der Traum vom Bohemien-Leben ausgeträumt.

Das Theater an der Wien ist zentraler Spielort Ihres Festivals. Beeinflußt der Evaluierungsprozeß, der eben stattfindet, Ihre Planung?

Geyer: Es wird berechnet, ob großteils oder ausschließlich Oper und Operette an der Wien überhaupt wirtschaftlich machbar ist und den Musiktheaterstandort Wien bei einem vermehrten Angebot an klassischem Musiktheater nicht überfordert. Egal wie die Studie ausgeht, kann eine Umstrukturierung, die auch eine reelle Chance auf künstlerischen Erfolg haben soll, frühestens in zwei bis drei Jahren relevant werden. Bis zum Klangbogen 2004 stellt sich daher diese Frage nicht.

Halten Sie mehrere Produzenten in einem Haus für sinnvoll ?

Geyer: Wenn Sie an ein Konglomerat von Institutionen und Produktionen nach dem Motto "viele Köche verderben den Brei" denken, so halte ich eine solche Variante für ausgeschlossen, denn dann stünde das Theater an der Wien wie schon in seinen unglücklichsten Tagen kurz vor einer Umwandlung in eine (diesmal künstlerische) Parkgarage. Ich finde aber auch, daß der Diskussionsansatz "Musical prinzipiell raus" völlig orientierungslos ist und begrüße die von Stadtrat Mailath-Pokorny in Auftrag gegebene Studie. Denn das Theater an der Wien ist ja derzeit erfolgreich mit acht Monaten Musical plus zwei mal zwei Monaten Oper. Das kann man nicht einfach ignorieren.

Wobei der "Erfolg" damit erkauft wird, daß die Gattung kommerzielles Musical, mit der überall in der Welt viel Geld verdient wird, bei uns subventioniert werden muß. Kann man das erfolgreich nennen?

Geyer: Laut Wiener Tourismusverband hat das Theater an der Wien durch seine Musical- plus-Festwochen-plus-Klangbogen-Bespielung im Ausland ein ausgezeichnetes, klar strukturiertes künstlerisches Profil, was zum Musikimage der Stadt beiträgt. Daher darf man sagen, es sei erfolgreich. Eine kommerziell erfolgreiche Bespielung könnte nur durch massive Änderungen in der grundlegenden Theaterstruktur erreicht werden. Das zu beantworten ist aber Aufgabe der Studie. Ich persönlich habe große Bedenken, was ein Produzentenmodell anstelle des Musicalbetriebes betrifft. Man sieht an Ronacher, Stadthalle, Museumsquartier - hoffentlich in Zukunft nicht mehr -, wie schnell ein "Haus" zum orientierungslosen, daher unbesuchten "Kulturladen" wird, wenn es kein klares künstlerisches Outfit hat. Ein positives Image ist schnell verloren.

Kein Veränderungswunsch

Noch einmal zum Festival. Sie zeigen auch "Dream Palace" von Hans-Jürgen von Bose im Semper-Depot. Zeitgenössische Oper im Sommer, wie funktioniert das ?

Geyer: Es ist uns von Anfang an gelungen das Semper-Depot als Kultort für neueste Musik zu etablieren. Das liegt sicher an der bewußten Werkauswahl für den beeindruckenden turmartigen Raum. Die Kooperation mit der Neuen Oper Wien hat sich als künstlerisch sehr zielführend herausgestellt.

Man hört, andere Institutionen hätten die Fühler nach Ihnen ausgestreckt. Haben Sie vor sich zu verändern ?

Geyer: Ich arbeite sehr gerne in Wien und fühle große Unterstützung von den politisch Verantwortlichen dieser Stadt. Und ich habe noch so viele Ideen, sowohl für den Osterklang als auch für den Klangbogen, daß diese Frage derzeit kein Thema ist. Ich plane bereits bis 2006 und möchte insbesondere im "Mozartjahr" einige außergewöhnliche Projekte unter anderem im Theater an der Wien - verwirklichen.

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