"Three Tales" von Steve Reich und Beryl Korot wurde bei den Wiener Festwochen im Museumsquartier uraufgeführt: ein effektives Stück.
"Wie alle anderen Wesen sind auch wir Menschen von ihren Genen geschaffene Maschinen." Maschinen, Maschinen: Während Richard Dawkins, Gottseibeiuns aller Biologismus-Kritiker, in Wahrheit ein Erst-recht-Humanist, im Video trotzig die Lippen verkneift, sind seine Worte schon gefangen - in einer Schleife, die einen Rhythmus gebiert. Einen Maschinenrhythmus, versteht sich.
So gut wie jede Bewegung, jede Abfolge ist für Steve Reichs Musik ein Kreißsaal der Rhythmen. Natürlich auch die Bewegung von Ziffern: In "Bikini", dem zweiten Satz der "Three Tales", wird der Countdown des Atomtests zur Zeitschleife, zum Rhythmus. Daß diese simple - etwa im Hiphop schon abgedroschene - Technik zumindest 65 Minuten lang nicht nervt, liegt an der Perfektion, mit der sich auch die Bilder Beryl Korots - Schlagzeilen, Schatten, Wochenschau-Ausschnitte - den Rhythmen unterwerfen. Computergesteuert, na und?
Und an den kanonartigen Kontrapunkten, die Reich gesetzt hat - für eine Oper, die in ihrem Verzicht auf personale Dramatik viel eher einem Oratorium gleicht. Das Ensemble Modern und "Synergy Vocals", schlicht und stilvoll uniformiert, setzen die Partitur um, ohne je außer Takt zu geraten. Die Zeit marschiert, kein Steinchen knirscht in Reichs Uhrwerk. Es geht voran: Wer's noch immer nicht verstehen will, dem hilft ein schicksalsträchtig ins Bild gerücktes Metronom. Erst nach dem Zero schwelgen die Streicher kurz in ruhiger Trauer.
Simpel, aber nicht banal ist auch die Botschaft: Der Schöpfungsauftrag Gottes an die Menschen birgt schon den Keim des Sündenfalls - zumindest in der ersten, vermutlich jüngeren Version der Schöpfungsgeschichte (Genesis 1 bis 2,4), wo es heißt: "Macht euch die Erde untertan." Dagegen setzt Reich die zweite, ältere (dem "Jahwisten" zugeordnete), sanftere Version (Gen 2,5 bis 2,25), wo nur von "bebauen", nach einer Interpretation von "behüten" die Rede ist - und dann vom todbringenden Baum der Erkenntnis.
Der Absturz der Hindenburg, der Atombombenversuch auf dem Bikini-Atoll und die Schaffung des Klonschafs Dolly (plus geistig verwandte wissenschaftliche Ambitionen) sind für Reich drei Früchte vom Baum der Erkenntnis, "Tales" über die Hybris des Menschen.
Der blinde Uhrmacher
Vor allem im dritten Abschnitt "Dolly" zieht Reich alle Register seiner selbstbeschränkten Kunst, setzt alle dramatischen Effekte, die er sich gestatten darf. Die "Talking Heads" der zum Interview gebetenen Wissenschaftler schleudern stakkato bedenkliche Sätze, die mit großen blauen Augen ausgestattete Computer-Kreatur Kismet hält legato den sanften Schöpfungsauftrag dagegen, immer wieder sticht die erbgutsaugende Nadel in den Zellkern, der Maschinenrhythmus, vom provokanten Pathos des grimmigen Dawkins entfesselt, startet wieder und wieder, überlagert sich selbst. Der "bewußtlose, automatische Prozeß", den Dawkins in der Evolution, diesem "blinden Uhrmacher" sieht: Hier wird auch er Musik.
Gegen Ende fährt die Hindenburg wieder durchs Bild, und schließlich findet sich Kismet unter dem Baum. Eine zarte, schöne Pointe: Wird, muß auch sie in Sünde fallen?