Wahre Meistersinger, ohne Meister am Pult

In der Wiener Staatsoper erlebten Wagners "Meistersinger" eine Neueinstudierung mit einer Sängerbesetzung, die exzellenter kaum sein könnte, aber durch ein unsicheres Dirigat kräftig unterminiert wurde.

Eigentlich sollte Michael Boder diese Wiederaufnahme leiten. Der Präzisions-Maestro ist erkrankt. Leopold Hager übernahm seine Aufgabe und bot trotz großem Probenaufwand eine herb enttäuschende Leistung. Dermaßen unstet, wackelig und planlos dürfte Wagner in diesem Haus nicht einmal im Repertoire klingen.

Auf solch immer wieder einbruchgefährdetem Eis ist auch für Kunstläufer schlecht tanzen. Die festspielreife Sängerriege konnte ihre Kräfte denn auch spürbar nicht frei entfalten. Die zahllosen Interferenzen, die sich im Orchestergraben, aber auch zwischen Chor und Orchester ereigneten, setzten sich naturgemäß fort, wo Einzelstimmen sich in Ruhe entfalten sollten.

Dennoch: Eine wohltönendere Eva mit ruhiger geführtem Sopran wie die von Soile Isokoski wird man heute ebensowenig finden wie eine wortdeutlichere, klangschönere Magdalena, die Michelle Breedt souverän spielt und singt. Wortdeutlicheren Gesang als in dieser Aufführung hört man insgesamt selten.

Wolfgang Brendels Sachs: Ein Wunder an Konzentration und strategischer Vokalplanung. Er teilt sich die monströse Partie souverän ein und hat im rechten Moment die Energie für Entfaltungen. Überdies liefert er ein klug differenziertes Rollenprofil, der dem Sachs auch zornige, fahrige Züge verleiht und zum allgemein-menschlichen Porträt rundet. Ob dieses hie und da auch durch den Zorn über die unsensiblen Tempovorgaben mitgeformt wurde, kann freilich nur vermutet werden.

Luxuriös, daß man einen David vom Format Michael Schades hören darf, edel timbriert und charakterstark in Ausdruck und Phrasierung. Hintergründig-amüsant die scharfe, wenn auch vielleicht manchem allzu karikierend wirkende Zeichnung des Beckmesser durch den prägnanten Eike Wilm-Schulte.

Daß Johan Botha ein konkurrenzlos singender Stolzing ist, weiß man in Wien bereits aus der Volksoper. Der Tenor hat diese Rolle noch weiter verinnerlicht und geriert sich jetzt auch in der sechsten Strophe des Preislieds, wo nahezu sämtliche Konkurrenten bereits heiser sind, als sänge er ein Kinderlied. Dermaßen strahlende, sichere Bögen phrasiert auf der Festwiese, da hat Evchen schon recht, "keiner wie er".

Solchen vokalen und darstellerischen Vorgaben zum Trotz ereignete sich keine Sternstunde, weil der souveräne musikalische Koordinator und Animator fehlte. Warum zuletzt jedoch ein einsamer Buhruf ertönte, als Peter Wimberger, der einen grundsoliden Pogner gesungen hatte, vor dem Vorhang erschien, das gehört zu den wienerischen Opernmysterien. Offenbar drohen die Restbestände des Stehplatzpublikums ihr Wissen um die Tradition des Hauses und das Urteilsvermögen zu verlieren. Daß eine "Meistersinger"-Wiederaufnahme vor schütter besetztem Stehparterre stattfindet, ist auch unbeschadet davon ein Alarmzeichen.

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