Vielleicht ist alles nur ein Traum – unter dieses Motto hat man heuer die Veranstaltungsreihe des Wiener "KlangBogen"-Festivals gestellt, das spannende Erstbegegnungen beschert.
Jules Massenet ist einer jener Komponisten, die man hierzulande traditionsgemäß sehr ungerecht behandelt. Er gilt als Meister der „Manon“ und des „Werther“, der im übrigen wenig Bedeutendes hervorgebracht hat. Abgesehen davon, daß die Wiener Opernhäuser selbst die beiden berühmtesten Massenet-Titel sträflich vernachlässigen, ist diese Sicht grob fahrlässig.
Tatsächlich war Massenet einer der kreativsten Musikdramatiker der Spätromantik, dessen Stil auf manchen Jüngeren abgefärbt hat. Massenets Spätwerk „Don Quichotte“ war, seit Fjodor Schaljapin die Titelrolle kreiert hatte, ein beliebtes Repertoirestück – nicht nur bei Bassisten, die hie und da einmal vom König Philipp absehen wollten, ohne auf belkanteske Klänge verzichten zu müssen. In Wien hat man dieses Werk dennoch nur als Gastspiel zu sehen bekommen.
Der „KlangBogen 2002“ bringt nun die erste Wiener Eigenproduktion des „Don Quichotte“ heraus und setzt gleich noch einen Kontrapunkt: Ebenfalls im Theater an der Wien wird Ruggero Leoncavallos Vertonung von „La Boh¨me“ Premiere haben, eine etwa gleichzeitig mit der Puccini-Oper entstandene Version desselben Stoffs, schärfer konturiert und voll von dankbaren vokalen Aufgaben für ein junges Sängerensemble.
Traumpaläste
Somit haben Wiener Musikfreunde allen Grund, ihrer Opernleidenschaft auch den Sommer über zu frönen. Zumal das Festival auch für jene etwas bietet, die sich für die Neue Musik interessieren. Hans-Jürgen von Boses psychologisches Drama „63:Dream Palace“ kommt im Semper-Depot zur Aufführung und wird dort bei Skeptikern Erstaunen auslösen. Bose ist nämlich einer jener Komponisten, die schon recht früh dem Terror der Avantgarde-Vordenker entsagt haben und auf ihr Publikum zugegangen sind, indem sie zwar hörbar zeitgenössische Musik schrieben, die jedoch durchaus traditionsverbunden klingt und keineswegs in die notorische Bürgerschreck-Attitüde der Neuen Musik der Zeit nach 1950 einstimmt.
Wer doch eher dem leichteren Genre zuneigt, der kann die Gelegenheit wahrnehmen, noch einmal Ralph Benatzkys Revue-Operette „Bezauberndes Fräulein“ zu sehen. Das war im Vorjahr der Überraschungserfolg im Etablissement Ronacher, in dem es dem jungen Opernbariton Adrian Eröd gelang, den künstlerischen Kampf mit Musicalstar Uwe Kröger aufzunehmen – und siehe da: Die Besucher verließen die Vorstellung mit dem Eindruck, da stünden zwei sehr charmante, einander ebenbürtige Darsteller auf der Bühne.
Auf dem Konzertsektor bietet der Klangbogen neben den üblichen großen Orchesterkonzerten – dem Start mit Lorin Maazel und dem Philharmonia Orchestra und dem Finale mit den Wiener Philharmonikern und Mariss Jansons – vor allem erlesene Kammermusik mit jungen Solisten. Für jeden Geschmack etwas.
KLangBogenWien:
5. Juli bis 22. August,
Info, Tickets: 01/427 17;
Internet: www.klangbogen.at