Physiker im Krieg um die Bombe

"Kopenhagen", das wirksame und gut recherchierte Physikerdrama Michael Frayns, im Wiener Theater in der Drachengasse.

September 1941, im von deutschen Truppen besetzten Dänemark. Der regimetreue deutsche Physiker Werner Heisenberg, der in Leipzig an der Kernspaltung arbeitet, besucht seinen Freund und Lehrmeister Niels Bohr. Wie einst in den goldenen zwanziger Jahren der Quantentheorie machen sie sich zu einem Spaziergang auf. Doch Bohr bricht ihn wütend ab. Heisenberg ist verwirrt, verzweifelt.

Was ist geschehen? Hat Heisenberg Bohr über Fortschritte der Alliierten beim Bau der Atombombe ausgefragt? Oder umgekehrt: ihm Geheimnisse verraten, damit geprahlt? Hat er versucht, Bohr zu einer Allianz der Physiker gegen die militärische Nutzung der Kernkraft zu bewegen? Oder hat er nur Trost und Zuspruch bei einer Vaterfigur gesucht? Sich gar für seine Rolle im NS-Regime entschuldigt?

Man weiß es bis heute nicht. Auch die erst vor einem Monat publizierten Briefe Bohrs an Heisenberg aus den fünfziger Jahren klären den Sachverhalt nicht völlig. Immerhin: Bohr zeichnet einen Heisenberg, der an den deutschen Sieg und an den Erfolg seiner Kernforschung, also an die deutsche Atombombe, glaubte. "Trotz unserer persönlichen Freundschaft mußten wir als Vertreter zweier Seiten gesehen werden, die in einem tödlichen Kampf standen", schreibt er.

Universum zertrümmert

Eine tragische Vater-Sohn-Beziehung, verdichtet in einer Auseinandersetzung um die fürchterlichste Waffe und das schrecklichste Regime: Was für ein Theaterstoff! Michael Frayn hat ihn so kühl behandelt, als gelte es, voreilige Zündung zu vermeiden. Er läßt Heisenberg, Bohr und dessen Frau Margrethe im Schattenreich rekonstruieren, mögliche Verläufe der Begegnung nachstellen. Dabei nützt er Metaphern aus der (Debatte um die) Quantentheorie: Da wird "das objektive Universum zertrümmert", die Freund-Feind-Ambiguität als "Komplementarität" erklärt, da bleibt endlich ein "letzter Rest von Unbestimmtheit im Kern der Dinge". Ach, wie pathetisch, schicksalsschwer diese Pioniere der Quantentheorie schon im Frieden waren! Frayn deutet es nur an: Es war auch das "Heldische" in Heisenbergs Kopf, das ihn so lange ans NS-Deutschland glauben ließ.

Dazu passend ist Uwe Achilles ein Heisenberg, wie man ihn auch aus den Biographien vor sich hat: ein gealterter deutscher Jüngling, schneidig und schmallippig, selbst in seinen idealistischen Momenten noch tief unsympathisch. Man versteht nicht, was Bohr, den Eduard Wildner als in sich ruhenden Patriarchen gibt, an ihm findet - bis er ihn ein "verlorenes Kind" nennt. Cornelia Köndgen moderiert virtuos, beinahe mütterlich - in einer karg, aber wirksam inszenierten Konfrontation.

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