Entscheidend für die Zukunft des Hauses wird die Antwort auf die Frage sein, wer neuer Direktor der Volksoper wird. Die Kulturpolitik steht vor einem künstlerischen Trümmerfeld.
Die Existenz der Wiener Volksoper war schon des öfteren gefährdet. So schwangen in Überlegungen, wie die hochkarätige Bespielung des Theaters an der Wien zu garantieren sei, immer wieder Ideen mit, das Ensemble der Volksoper aufzulösen und das Haus am Gürtel dem Musical zur Verfügung zu stellen.
Es war die unter den Direktoren Eberhard Waechter und Klaus Bachler erreichte Qualität des Volksopern-Repertoirebetriebs, die jedes diesbezügliche Gedankengebäude bisher stets zum Einsturz brachte. Kunststaatssekretär Franz Morak ist nun nach dem Rückzug des amtierenden Direktors, Dominique Mentha, mit einer ganz anderen Situation konfrontiert.
In den Jahren der Ära Mentha hat die Volksoper ihre Reputation verloren. Zuvor noch "Meistersinger"-tauglich, hat sie derzeit bereits im sogenannten "leichten Repertoire" Probleme. Was sie nun braucht, ist so leicht zu definieren wie schwer zu finden: Ein neuer Chef muß Erfahrungen als Theaterdirektor haben und eine durchschlagskräftige künstlerische Persönlichkeit sein. Schwächere Ansätze, etwa Manager ohne ausreichende Theaterpraxis, können die Probleme nicht lösen. Es sind Zukunftsvisionen für die künstlerische Aufbauarbeit und den Spielplan gefragt, aber auch professionelles Geschick beim Führen eines großen Musiktheaterbetriebs.
Nun wurde die Position des Volksoperndirektors ab 2005 ausgeschrieben. Die Bewerbungen liegen auf dem Tisch. Auch die honorigsten Kandidaten, die auf der Gerüchtebörse gehandelt werden, lassen die genannten Qualitäten vermissen. Ob ein umtriebiger Dirigent wie Gustav Kuhn oder ein erfolgreicher Leiter eines kleinen Kulturzentrums wie Christian Meyer, ob ein populärer Schauspieler wie Gerald Pichowetz oder der Wiener Musikintendant Roland Geyer - ihnen allen fehlen entweder die künstlerischen oder die praktischen Voraussetzungen für den Posten; oder beide.
Die klügeren der lancierten Kandidaten würden sich wohl auch gar nicht erst auf die Sache einlassen. Zumal Menthas vorzeitiger Abgang noch impliziert, daß zwischen 2003 und 2005 ein Interims-Chef die Geschäfte führen wird. Er sollte das nur in Abstimmung mit dem kommenden Direktor tun - und muß eine Persönlichkeit sein, die keine weiteren Ambitionen hat.
Die Variante, Staatsopernchef Ioan Holender könnte der "unverdächtige" Interims-Direktor werden und den Boden für die künstlerisch auch in Wien höchst erfolgreiche, als Intendantin bewährte Regisseurin Christine Mielitz aufbereiten, gehört wohl in den Bereich der Wunschträume. Wünschen darf man sich viel - aber ob der Staatssekretär für den nötigen Kraftakt eine Sensation jenseits aller Ausschreibungsmodalitäten parat hat?