Des Liebhabers große Sehnsucht nach mehr stillen Örtchen - oder: Ich mag keine Musik!

Es gibt Momente, wo man die schönsten Dinge der Welt verfluchen möchte. Zum Beispiel Musik. Es gibt Momente, da denke ich mir, ich mag sie nicht.

Es war in Venedig, unlängst. Wir waren gerade einem als Vaporetto getarnten Seelenverkäufer entkommen, der dann wider Erwarten bei seiner Fahrt nach S. Michele doch nicht untergegangen sein dürfte. Wie auch immer: Wir haben uns dort gerettet, wo sozusagen die Hinterseite von Venedig ist und sind daselbst in die nächste Kirche gegangen. Nicht, um für unsere Rettung zu danken, sondern weil wir so gut wie in jede italienische Kirche gehen, um sie zu besichtigen. Sie haben uns dort nicht überlistet. Es erklang Musik - und zwar vom Band.

Vor ein paar Jahren in Bologna bin ich ihnen noch auf den Leim gegangen. Da habe ich für ein paar Augenblicke wirklich gedacht, wir hätten die Patres bei den Laudes ertappt. Die Rührung währte nur kurz. Es war auf dem Höhepunkt der Gregorianik-Welle, als alle Kids zu den mehr oder weniger oder gar nicht durch rhythmische Beilagen aufgefetteten einstimmigen katholischen Lobgesängen swingten.

Schnitzels Notenpanier

Damals begann auch der Beschallungs-Terror. Es hing nicht ursächlich zusammen. Aber weil dieser Terror damals begann, beschallte man mit gregorianischen Gesängen. Die Kirchen nämlich. Bald konnte man nicht einmal mehr in der kleinsten Kapelle Zuflucht suchen. Überall rieselte sanft ein konserviertes Ave Maria von den Wänden.

Nun waren die Kirchen bis dahin die letzten Bastionen der absoluten Ruhe gewesen. Selbst auf den früher einmal sogar von Sprichwörtern ausdrücklich als still, ja sogar als stillste gepriesenen Örtchen, etwa in noblen Restaurants, singt und klingt es in neuer Zeit, daß man darauf - ja, was eigentlich tun möge? Vielleicht bei der Rückkehr ins selbstverständlich ebenso unausgesetzt musikdurchflutete Lokal ein Riedlglas Bordeaux trinken. Diesbezügliche Eingaben meinerseits waren stets erfolglos.

Ja selbst Blamagen wie jene blieben mir nicht erspart, als ich einst einen Patron lobte, in dessen Etablissement man wirklich in aller Ruhe ein - notabene exzellentes - Schnitzel verspeisen konnte. Er mißverstand mich und versicherte beflissen, die Lautsprecher würden demnächst wieder funktionieren.

So sehr ich es mag, wenn ein dezenter Barpianist im dafür vorgesehenen und zu Recht nach ihm benannten Ambiente seinen ein wenig harmonievereinfachenden Dienst versieht - das sorgt für Stimmung. Musikberieselung vom Tonband hat jedoch einen mechanischen, seelenlosen Aspekt, der zur akustischen Umweltverschmutzung zu rechnen ist. Die ästhetische Sensibilität unserer ohnehin schon abgestumpften Gehörnerven wird auf diese Weise endgültig abgetötet. Eine Generation, die das Hören als passiven Akt begreifen lernt, verliert ihren natürlichen Zugang zum Klang und zur Musik, die zur Geräuschtapete des auf allen Ebenen der Hektik verschriebenen Lebens degradiert wurde.

Das Ergebnis wird als Dauerausstellung in der U-Bahn gezeigt: Wie anders als stumpfsinnig, also: stumpf gewordenen Sinnes, sollen denn die Gesichter von Walkmanbesitzern dreinschauen, deren Ohren via Kopfhörer tagaus, tagein von zischenden, ploppenden und pumpernden Geräuschen vollgedröhnt werden?

Gedudel im Stephansdom?

Und jetzt das: Die venezianischen Prälaten haben sich entschieden, die Tonbänder anzuwerfen und da verkündet jetzt allen Ernstes Luciano Pavarottis Stimme das Lob der Heiligen Jungfrau, um gleich danach von einer Banda abgelöst zu werden, die das Zwischenspiel aus Verdis "Traviata" anstimmt. Ein bemerkenswertes Damen-Doppel - und das Gegenteil von jener Freude, die man empfinden mag, wenn ein Organist, ein echter, ein Bach-Präludium anstimmt; vielleicht nicht ganz fehlerfrei, aber so wirklich wie der oben erwähnte Barpianist.

Die Tonbänder waren in Kaufhäusern längst zu Konsum stimulierenden Gängelbändern mutiert. Jetzt haben sie ihren Würgegriff um die letzten Besinnungsstätten gelegt und weihen sie der Besinnungslosigkeit. Ein Vertreter der Wiener Geistlichkeit, den ich jüngst darauf ansprach, verwies mich auf Studien, die besagen, daß Touristen bei ihren Herdenauftrieben gleich viel weniger ungeschlacht und roh durch die Kathedralen stampfen, sobald Musik zu hören sei. Deshalb erwäge man sogar in St. Stephan bereits die künstliche Beschallung.

Damit ist es aus, dachte ich mir, denn dann wäre der Moment erreicht, wo ich die Musik, die ich so liebe, ehrlich zum Teufel wünschte - und hätte keine Chance, weil der an diesem Ort doch wirklich nichts zu reden hat.

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