Das volle Wagner-Glück bleibt eine Illusion

Franz Welser-Möst dirigierte in Zürich seinen ersten kompletten "Ring des Nibelungen" und damit den ersten Durchlauf der neuen Robert-Wilson-Inszenierung. Musikalisch eine Sensation, szenisch vor poetischen Bildern ereignislos, aber kaum irritierend.

Es war, wie bei fast jedem prägenden neuen "Ring"-Dirigat, in der Phase der Erarbeitung des neuen Zürcher "Rings" von Kammermusik die Rede. Das Wort verwendeten die Rezensenten bereits für so unterschiedliche Dirigenten wie Clemens Krauss oder Herbert von Karajan.

Bei Franz Welser-Möst kehrte es nun wieder. Es ist und bleibt ein Mißverständnis. Alle genannten Dirigenten, auch Welser-Möst, haben nicht mehr und nicht weniger versucht, als Wagners Partituren genau zu lesen, die Vorschriften präzis umzusetzen; kurz: den Sand einer verschlampten Aufführungstradition aus dem Getriebe des Orchesterklangs zu blasen.

Plötzlich klingt, weil konsequent gearbeitet wurde, vom "Rheingold" bis zur "Götterdämmerung" alles transparenter, minuziös differenziert. Alle Schwerfälligkeit ist eliminiert, die Tonsprache wird eloquent, aussagekräftig bis in die kleinste Faser des musikalischen Gewebes.

Und die dynamische Klangregelung minimiert sich um viele Grade in Richtung Pianissimo. Mit einem Mal wird Wagners Psychologie lebendig, frei von falschem Bombast und tosendem Seelenlärm.

Das Zürcher Orchester musiziert unter der Leitung seines Chefs vier Abende lang unter Hochspannung, technisch fast perfekt, und immer von einer mitreißenden Lust am Musiktheater getrieben.

Da kommt ein "Rheingold" zustande, wie es in seiner dramaturgischen Feinmechanik kaum je so behutsam und sensibel modelliert zu hören ist. Da wölbt sich über den dritten Akt der "Walküre" ein gewaltiger dramatischer Bogen, voll Poesie und innerer Erregung. Da entlädt sich die Katastrophe im Mittelakt der "Götterdämmerung" unentrinnbar, mit all der niederschmetternden Konsequenz von Wagners erbarmungsloser Dramaturgie.

Ohne Cäsarengeste

Ohne daß freilich bei alledem je der Eindruck entstünde, der Dirigent arbeite hier mit vordergründiger Cäsarengeste, um den Gang der Handlung musikalisch zu beschleunigen, dem Geschehen Energie zu oktroyieren. Welser-Mösts (auch in zeitlichen Dimensionen gemessen) enormes Tempo - das Rheingold dauert bei ihm nur knapp zweieinviertel Stunden, auch der erste Akt der Götterdämmerung etwa 15 Minuten kürzer als im langjährigen Schnitt! - dieses Tempo scheint - wie jede musikalische Nuance - aus der Eigendynamik der Stücke geboren.

Aus solchem tönenden Urgrund können sich sängerische Leistungen entwickeln, die dort, wo Vergleiche möglich sind, von der künstlerischen Kraft künden, die hier in penibler Probenarbeit freigesetzt wurde. Wenn Gabriele Schnaut unter Welser-Möst die Brünnhilde singt, dann scheint alles übermäßige Getöse, alle falsche Stimmprotzerei wie weggeblasen. Dann lebt und leidet eine Frau aus Fleisch und Blut, in jeder Phrase sensibel bis zur Zerbrechlichkeit.

Auch der machtvolle Wotan Jukka Rasilainens bleibt noch in den zornigsten Momenten seines Götterleids beinahe belkantesk. An Wortdeutlichkeit übertrifft den Göttervater in dieser Produktion lediglich die Zwergenschar, der böse, schwarze prägnant charakterisierende Alberich Rolf Haunsteins und, eine Sensation für sich, Volker Vogels Mime, der in seiner Intensität und Konturenschärfe an den legendären Gerhard Stolze erinnert.

Der von Vogel stark geprägte "Siegfried" sah im ersten Zürcher "Ring"-Durchlauf Stig Andersen in der Titelpartie, einen etwas ungelenk wirkenden, aber doch sehr präzisen, sicher singenden Tenor, dem der zwar mit heller Stimm begabte, doch technisch sehr unausgereifte Widerpart in der "Götterdämmerung", Albert Bonnemer, nicht Paroli bieten konnte.

Wunderbare Sänger

Von sicheren Wagner-Helden wie Matti Salminen, dessen heute konkurrenzlose Gestaltungen von Hunding, Fafner und Hagen, auch in Zürich gehörigen Effekt machen, bis zu sorgfältig besetzten kleinen Rollen hat dieser neue "Ring" in Zürich also auch vokal viele Trümpfe zu bieten, etwa die forsche Tragödin Cornelia Kallisch als Fricka und Waltraute, oder der faszinierend gefährliche, nie kasperlhafte Loge Francisco Araizas.

Sänger, die die Produktion nicht von Anbeginn mit erarbeitet haben, taten sich freilich mit den stilisiert-rituellen Bewegungen der notorischen Robert-Wilson-Choreographie schwer. So wollten sich die Gebärden im Finale des ersten "Walküren"-Akts bei Poul Elmings (stimmlich schwächlichem) Siegmund mehr und mehr runden. Daß er seine Sieglinde, Stephanie Friede, nie anschauen, nie berühren darf, stört den Sänger offenkundig.

Es stört auch den Zuschauer, der in diesem Mangel an Sinnlichkeit das größte Manko von Wilsons Regie erkennt.

Gasflämmchen-Feuer

Überall, wo nicht zärtliche zwischenmenschliche Beziehung das Thema ist, bleibt die abstrahierende, von poetischem Farben- und Formenspiel getragene Inszenierung glaubwürdig - stört den Ablauf jedenfalls nicht. Daß Wilson jedoch für den Feuerzauber und die Götterdämmerung in seiner Ästhetik keine stärkeren Bilder als kleine Gasflämmchen eingefallen sind, verniedlicht diese Schlüsselszenen und mindert den positiven Gesamteindruck beträchtlich.

Frida Parmeggianis Modenschau in Nibelheim und Walhall freilich ist mit dem gewohnten erlesenen, leicht fernöstlich getouchten Geschmack gestaltet. Sie leitet den von Welser-Möst im Orchestergraben so herrlich zum Strömen gebrachten natürlichen Fluß der Musik optisch in die Regionen der Künstlichkeit. Das vollständige Wagner-Glück bleibt wohl auch in Zukunft Illusion.

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