Ludwig van Beethovens Anspruch

Die "Missa solemnis" zählt zu den außerordentlichen Herausforderungen für Musiker und Hörer. Franz Welser-Möst, Singverein und Philharmoniker nahmen sie im Musikverein an.

Dem Werk ist kaum beizukommen. Wem es vor ihm nicht die Sprache verschlägt, der äußert oft, denken wir nur an Theodor Adorno, verstiegenen Unsinn. Angesichts der holzschnittartig einfachen, aber ins Gigantische geweiteten Strukturen des musikalischen Riesenbaus verkommt wohl jeder Versuch artifizieller Detailarbeit zur Kleinlichkeit. Wer die zyklopischen Formen grad und unverwackelt hinzustellen versteht, leistet genug der Interpretationsarbeit. Gerade weil Beethoven hier mit archetypischen, also so gut wie skelettierten musikalisch-rhetorischen Elementen arbeitet, ist deren ungeschminkte Darstellung vielleicht die einzig adäquate.

Deshalb waren die jeweils erstaunlich kargen, konzentrierten Aufführungen unter Karajan, Kubelik und Leinsdorf während der vergangenen Jahrzehnte in unseren Breiten die einzig überzeugenden. Deshalb hat Franz Welser-Möst, weil er bei seinem lang erwarteten Wiederauftritt mit den Philharmonikern ähnlich zurückgenommen agierte, grandios reüssiert.

Als souveräner, ruhiger Organisator führte er das Orchester, den glänzend präparierten und sehr kraftvollen Singverein und ein sehr harmonisches, durchwegs kühl und klar timbriertes Solistenquartett (Krassimira Stoyanova, Barnarda Fink, Herbert Lippert, Franz Josef Selig). Gewiß, die geradezu swingende, unbändige Fröhlichkeit ausstrahlende Schlußsteigerung des "Gloria", die dramatisch zugespitzten, von bedrohlichem Kriegsgetöse angestachelten Hilferufe im "Agnus Dei" gingen auf das Konto des großen Animators Welser-Möst. Im übrigen aber trat der Dirigent bescheiden hinter die sozusagen selbstreinigenden, die organischen Antriebskräfte der Komposition zurück. Die Philharmoniker lieferten auf diese Weise nicht nur die im Verein mit dem Chor immer wieder entstehenden erratischen, respekteinflößenden Klangblöcke, sondern auch die sinistren, fahlen Farben, die Beethoven zur radikalen Umsetzung des "Crucifixus" vorschwebten, manch besonders weich und sanft getönte, innige Textausdeutung - und Konzertmeister Rainer Honeck modellierte das Violinsolo im Benedictus mit enormer poetischer Kraft und Geschmeidigkeit, ohne einen Moment lang in falsche Süßlichkeit zu verfallen.

So atmete die Aufführung jene Größe, die ganz und gar aus der Energie eines einzigartigen Werks geboren scheint und letztlich unerklärlich bleibt wie dieses selbst. Ehrfurchtgebietend.

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