Klangwolke im Linzer Donaupark: Terror, Tod und Feuerwerk

"Harmonices mundi" versprachen Christian Muthspiel und Hans Hoffer für die Linzer Klangwolke - und brachten ein "Weltmusik"-Mischmasch mit bedenklichen Seitenthemen.

Immer wieder muß das Flugzeug in den Turm rasen. Immer wieder Feuer und Panik über Manhattan. Daß der videodokumentierte Schrecken des 11. September um den ersten Jahrestag herum oft gezeigt wird - vielleicht auch im Gefühl, man könne ihn so beherrschen, bannen -, war vorauszusehen. Doch schon heute kann man sagen: Ein Tiefpunkt im bedenkenlosen Gebrauch dieser Bilder wurde bei der Linzer Klangwolke erreicht.

In schierer Endlosschleife liefen sie bei diesem Donaupark-Spektakel über die Videowände, versehen mit eingeblendeten Allerweltsschlagwörtern wie "Liebe", "Tod", "Trauer", "Macht", "Hoffnung". Dazu getrommelte und gesungene Volksmusik aus Tunesien und Indien. Und, wie bitterer Hohn gen Himmel: Feuerwerk.

Penetrantes Donau-Feuer

Das übliche Feuerwerk, ohne das die visualisierte Klangwolke offenbar unvollständig wäre, nur anhaltender, penetranter als gewohnt. Schließlich brannte auf der Donau ein Strohhaus, während daneben die Bilder aus New York weiterliefen.

Man muß diese Geschmacklosigkeit wohl nicht kommentieren. Sie ist, will man nicht Böseres annehmen, Produkt einer effekthascherischen Beliebigkeit im Umgang mit Symbolen. Solche Beliebigkeit herrscht in Muthspiels Stück auch im Umgang mit Musik anderer Kulturen. In seinen - angeblich von Johannes Kepler inspirierten - "Harmonices mundi" stehen fünf Musiker aus verschiedenen Ländern für die Planeten Merkur, Venus - eine hochgradig expressive bis manierierte schwarze Sängerin, natürlich -, Mars, Jupiter, Saturn. Ein Streichorchester ist die Sonne und muß entsprechend hitzig flirren.

Eine kindische Idee, deren Umsetzung über weite Strecken naturgemäß klischeehaft und fad klang - und unangenehm an die Zeiten erinnerte, als es in Jazz und Pop en vogue war, sich unter dem Logo "Weltmusik" mit "fremden" Klängen zu putzen.

So gesehen paßte die Klangwolke als warnendes Beispiel heuer einmal gut zur Ars Electronica, zu der sie ja irgendwie auch gehört. "Unplugged" heißt das Thema - dabei geht es um die unfreiwilligen und freiwilligen Außenseiter des weltweiten Netzes, und auch um die Frage, ob nicht doch eine Spinne in diesem sitzt, die man einst "Imperialismus" nannte und die heute wieder als "Empire" bezeichnet wird.

Kolonialer Klang-Eintopf

Jedenfalls importieren wir nicht nur Rohstoffe und Arbeitskräfte, sondern auch die (vermeintlichen) Reize des "Archaischen". "Der Westen nährt sein Bedürfnis nach Tradition aus einem selbst erzeugten afrikanischen Parallelexportmarkt, der neben dem lokalen Popmarkt existiert", sagt der deutsche Ethnologe Jay Rutledge, Teilnehmer am Ars-Symposium. Aus solchen Kolonialwarenläden hörte man bei der Klangwolke sozusagen einen rezeptfrei gekochten Eintopf.

Genug zu diesem Ärgernis. Bei der eigentlichen Ars Electronica fand man zumindest am Eröffnungstag kaum Arbeiten zum Thema, dafür umso häufiger das alte Lied vom Cyberspace, von den virtuellen Räumen, den "Hidden Worlds" der Bits und Bytes. Immerhin: An der "Cyberbar" im OK-Zentrum wird man heuer nicht verkabelt und erhält sein Getränk von einer Gaby, nicht von irgendeinem Cyborg.

Und am Hauptplatz, vor dem Rathaus, spielt vor allem die ausgehende Jugend intelligente Schattenspiele: Bei den "Body Movies" kann man am Tag aufgenommene Bilder von Personen nachts durch den eigenen Schatten aus allzu grellem Licht in die Sichtbarkeit rufen. Eine gelungene Metapher der Vermittlung und, vor allem, eine Hetz. Und die soll ja auch sein in Cyberlinz.

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