Rattle in Wien: Mit Trippelschrittchen nähern sich die Gäste

Sir Simon Rattle führte erstmals seine Berliner Philharmoniker in den Wiener Musikverein. Die Gäste wagten sich mit Haydn und Schubert gleich auf urwienerisches Terrain, nahmen die Aufgabe jedoch spielerisch.

Der frischgebackene Chefdirigent der Berliner Philharmoniker setzt auf kleinstteilige Gestaltung und sichert jeder Phrase noch ein kleines Aper§u, ein Drückerchen hier, ein Akzenterl dort. Da schnurrt ein Haydnsches Allegro (Symphonie Nr. 88) weniger "con spirito", wie es in der Partitur steht, als mit allerlei feinst gedrechselten Manierismen ab.

Die Berliner sind auf diesen Kurs ihres neuen Chefs eingeschworen und realisieren die gewünschte orchestrale Kleinkunst mit spürbarer Lust. Sie lassen sich auch nicht davon irritieren, daß Rattles theatralisch-pantomimischer Dirigierstil den Maestro des öfteren dann zu den verspielt trippelnden zweiten Geigen führt, wenn die Celli gerade klare Anweisungen nötig hätten, um einen heiklen harmonischen Übergang präzis auszubalancieren.

Auf harmonische Grundsatzfragen läßt sich Rattle offenbar nicht ein. Wenn die vielen minuziös abgezirkelten Details nicht ganz penibel zu einem Ganzen zusammenwachsen, wenn manches bei dichteren Sätzen - Haydns Finale oder das Scherzo in Schuberts großer C-Dur-Symphonie - ein wenig verschwimmt, dann stört ihn das offenbar wenig.

Bei ihm zählt im Moment vor allem der sichtliche Spaß an der Detailarbeit. Daß in Schuberts großer Symphonie der Erzählfluß dabei in viele kleine Einzelbotschaften zerfällt, muß man in Kauf nehmen. Schumann hat davon geschwärmt, wie im Andante "das Horn wie aus der Ferne ruft" - romantische Gefühlsduselei wahrscheinlich. Bei Rattle gibt es plötzlich ein gehauchtes Pianissimo. Ist ja auch zusammenhanglos schön, nicht?

Die Bläser des Orchesters zelebrierten noch ein neues "Gran Duo" von Magnus Lindberg, einem der raffinierten finnischen Meister unserer Zeit, die ein ganzes Kompendium von klangvollen Instrumentalkombinationen beherrschen und vorführen. Da erwies sich immerhin, daß man in Berlin die Kunst des Aufeinanderhörens nicht verlernt hat. Während bei Haydn und Schubert alles munter nebeneinanderherschnurrte, verbanden sich die Linien hier zum einheitlich tönenden Klang. Daß auch dieser weniger inspiriert als willkürlich zusammengestellt wirkte, lag ausnahmsweise eher am Komponisten.

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