"Kapellmeister" auf dem Weg zum dirigierenden Generalissimus

Christian Thielemann eröffnet mit der Premiere des "Tannhäuser" die heurigen Bayreuther Festspiele. Der Dirigent wird aber auch in Berlin, in München, Salzburg und Wien immer wichtiger.

In Bayreuth scheinen alle Weichen gestellt. Während die Wagner-Familie nach wie vor zerstritten ist und mehrheitlich im Schmollwinkerl steht, weil Allvater und Komponistenenkel Wolfgang Wagner sich nicht und nicht zurückziehen möchte, währenddessen also prescht ein Wagnerianer aus Berlin vor: Christian Thielemann gilt vielen als neuer Mann, prädestiniert, die Bayreuther Zukunft an führender Stelle mitzugestalten.

Wenn er heuer zur Festspieleröffnung für "Tannhäuser" ans Pult geht (Lichtzauberer Philippe Arlaud wird inszenieren), dann leitet Thielemann seine dritte Festspieloper. Im Vorjahr verabschiedete er mit einer bewegenden, abgeklärten Interpretation Wolfgang Wagners Uraltinszenierung des "Parsifal". Und während der letzten drei Spielzeiten war er der Dirigent der "Meistersinger von Nürnberg".

Das Bayreuth-Debüt Thielemanns im August 2000 mit dieser Oper war allseits als Sensation gefeiert worden. Der Grandseigneur der deutschen Musikkritik, Joachim Kaiser, feierte Thielemanns Dirigat über fünf Spalten der Süddeutschen Zeitung - eine seit langem nicht mehr dagewesene journalistische Huldigung an einen jungen Dirigenten. Das Publikum bereitete ihm damals wie in der vergangenen Spielzeit Ovationen.

Nun folgt mit dem "Tannhäuser" Thielemanns erste Bayreuther Premiere. 2006 wird er, das steht ebenfalls längst fest, den gesamten "Ring des Nibelungen" neu einstudieren. Der dänische Filmemacher Lars von Trier wird die Inszenierung besorgen. Und Thielemann scheint damit als musikalischer Dominator der Wagner-Festspiele zementiert.

In der Heimatstadt des 1958 geborenen Berliner Dirigenten, der sich selbst gern traditionsverbunden als "Kapellmeister" bezeichnet, steht seit längerem die Deutsche Oper in der Bismarck-Straße unter seiner musikalischen Leitung. Querelen um seine Vertragsverlängerung nach der Bestellung des Komponisten Udo Zimmermann zum Intendanten folgte Thielemanns Sieg: Er wurde von der Berliner Kulturpolitik erneut zum Generalmusikdirektor gekürt.

Allerdings erfolgte der Vertragsabschluß so spät, daß Thielemann während der vergangenen Saison in Berlin kaum in Erscheinung trat. Auch die kommende Spielzeit sieht ihn selten am Pult seines Hauses.

Strauss mit den Wienern

Dafür kündigt sich ein weiterer Machtzuwachs für den Kapellmeister an. Münchens Philharmoniker, seit dem Tod Sergiu Celibidaches in künstlerischer "Standby-Position" (Chefdirigent James Levine brachte eher Stillstand denn Innovation), haben ein Auge auf den Berliner Maestro geworfen.

Heuer dirigiert Thielemann im Dezember ein Konzert des Orchesters mit Musik seines Hausgotts Wagner und der deutschen Erstaufführung von Hans Werner Henzes eben von Simon Rattle in Luzern aus der Taufe gehobener Zehnter Symphonie. Wenn Thielemann dann am Silvesterabend in München für Beethovens Neunte den Taktstock heben wird, könnte er bereits zum Chefdirigenten designiert sein.

Damit hätte er übers Jahr ein Opernstandbein in seiner Heimatstadt und ein Konzertorchester in der Bayerischen Hauptstadt. Zudem zählt er in den kommenden Jahren zu den favorisierten Schallplatten-Dirigenten der Wiener Philharmoniker, mit denen er den im Vorjahr sensationell begonnenen Richard-Strauss-Zyklus demnächst fortsetzen wird. Für das kommende Jahr ist auch eine Salzburger Festspielpremiere geplant: Thielemann wird Henzes neue Märchenoper "L'Upupa" uraufführen. Intendant Peter Ruzicka hat ihn auch für die darauffolgenden Spielzeiten an die Salzach verpflichtet. 2004 dürfte, wie die Dinge liegen, ein neuer "Rosenkavalier" folgen.

Wien erlebt die erste Thielemann-Premiere anläßlich der Festwochen 2003, wo in der Staatsoper ein neuer "Tristan" unter seiner Leitung herauskommt. Vom Geheimtip ist der Berliner dann längst zum Generalissimus aufgestiegen.

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