Seiji Ozawa dirigierte erstmals als Musikdirektor der Staatsoper eine Repertoireaufführung: Zu einer glaubwürdigen "Salome" von Richard Strauss fehlten ihm allerdings die Sänger.
Sigmund Freud steuerte offenbar von seiner Wolke aus den Darsteller des Herodes und gab ihm einen Versprecher - oder besser: Versinger ein: "schöne, gute Salome" sang er, wo es doch "süße, schöne Salome" heißen müßte. Ein kleiner, aber vielsagender Fauxpas, der die Situation perfekt umschrieb. Wienerisch gesagt: Man stand einen Abend lang daneben. Vielleicht nur ganz leicht, hie und da, aber doch.
Wo das Orchester unter Ozawas Animatoren-Geste höchst expressiv aufrauschte, wo erstaunliche Klangmischungen, vor allem aber kräftige Akzente und enorme Lautstärkegrade erreicht wurden, da war die Strauss'sche Dramaturgie des öfteren zum Greifen nahe.
Jedoch läßt sich ohne adäquate Sänger "Salome" nicht richtig aufführen. Ein schwächlicher, manchmal erstaunlich kurzatmiger Jochanaan wie Albert Dohmen kann in keinem Moment das Faszinosum des allseits Emotionen schürenden Propheten glaubhaft machen. Michael Roider als Herodes bemüht sich um sprachliche Prägnanz, wird von den Orchestermassen aber viel zu häufig hinweggespült.
Und Titelheldin Eliane Coelho hat nur noch zwei Stimmfarben zu bieten: Ins ätherisch gehauchte Pianissimo rettet sie sich immer dann, wenn das allzu wabbelige Forte gar zu störend wirken würde. Wo die vielgerühmten lasziv-sinnlichen Klänge dieser Komposition ihre verzaubernde Wirkung tun sollten, da bleiben nur Hohlheit, fahle Farben, weshalb die koloristischen Qualitäten der Partitur wohl auch vom Orchester kaum ausgekostet wurden.
Ozawas "Salome" unterscheidet sich diametral von der Deutung des Premieren-Dirigenten der nach wie vor passenden Wiener Inszenierung, Karl Böhm. Der hatte Strauss aus dem Wort heraus und immer anschmiegsam an die Gesangsphrase entwickelt.
Da standen freilich auch fordernde Sänger auf der Bühne, die den Anspruch auf ein Gesamtkunstwerk erhoben - und erfüllten. Derzeit ist "Salome" in der Staatsoper ein symphonisches Konzert von brachialer Klanggewalt. Auch diese, der Applaus lehrt's, überwältigt.