Das "ensemble die reihe" ist längst eine Legende. Gründer Friedrich Cerha dirigiert, was er kaum mehr tut, wieder einmal ein Konzert. Ausschließlich mit Musik, die er besonders liebt - und das ist andere, als man meinen möchte.
Im Mozartsaal des Konzerthauses stehen heute, Montag, abend Werke von Ravel, Strawinsky, Milhaud und Hindemith auf dem Programm - Musik also, die treue Schönbergianer wie Theodor W. Adorno in den fünfziger Jahren zu glühenden Protesten hingerissen hat. Strawinsky und Hindemith waren für die Vordenker der Avantgarde Abtrünnige, die sich dem sogenannten Neoklassizismus, also einer rückschrittlichen Ästhetik verschrieben hatten.
Wobei niemand so recht sagen konnte, was denn diesen Neoklassizismus, der so viele erstaunliche, unterschiedliche und reizvolle Blüten getrieben hat, eigentlich zu einem einheitlichen (und angeblich einheitlich verdammenswerten) "Stil" geformt habe.
Das heutige Konzert gibt Antworten: Da ist die Bürgerschreck-Attitüde des jungen Hindemith, der in seiner Kammermusik op. 24 mit Sandbüchse und Sirene gegen die wuchernde Spätromantik revoltiert und dabei so witzige, spritzige Pointen setzt wie die, daß er im langsamen Satz den "Stab aus einem Glockenspiel" zum gleichwertigen Partner in einem Quartett macht. Neoklassizistisch?
Neuartiges Klangbild
Da ist Darius Milhaud, der in seiner "Creation du monde" mit Verve den Jazz in den Kanon der abendländischen Kunstmusik hereinholt. Und da ist Strawinsky, der in seinem Oktett tatsächlich alte Formen zu neuen klingenden architektonischen Kunstwerken zusammenfügt; und der in "japanischen Liedern" sozusagen seinen eigenen Exotismus erfindet und zur gleichen Zeit wie Schönberg in seinem "Pierrot Lunaire" ein völlig neuartiges, ein transparentes Klangbild imaginiert, das in seiner reißbrettartigen Konstruktivität sogar Maurice Ravel veranlaßt hat, Ähnliches zu versuchen.
Friedrich Cerha führt uns das heute vor Ohren und gibt damit seinen Kommentar zur Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts ab: Sie war jedenfalls reicher, als treue, aber eindimensional denkende Avantgarde-Gurus uns weismachen wollen.