"Siegfried" in Bayreuth, dritter Aufguß der Klamauk-Parade Jürgen Flimms. Neue Sänger und ein artiger neuer Drache lassen die Sache nicht ernsthafter wirken.
Die Jürgen-Flimm-Inszenierung des Bayreuther "Rings" war von Anfang an eine unglaubwürdige Angelegenheit. Im "Siegfried", der trotz einiger Morde auf offener Szene gern als das Scherzo der Nibelungen-Symphonie bezeichnet wird, verlocken die komödiantischen Details tatsächlich zur theatralischen Überzeichnung. Aber wie läßt schon Peter Altenberg eines seiner kleinen Mäderl sagen: "Das Lächerliche ist nicht das Lustige".
Wenn auch viel gelacht wird in diesem "Siegfried", die Inszenierung kommt über das Lächerliche nicht hinaus. Denn Flimms Problem ist wieder einmal: Er hört nicht zu, er denkt nicht daran, die Botschaft der Musik, den klingenden Erzählfluß als Grundlage für seine Arbeit zu nehmen. Er liest gerade einmal den Text und setzt auf die Bühne, was ihm dazu so einfällt. Das wäre in den Kammerspielen bei einer x-beliebigen Boulevard-Zote vielleicht am Platz. An Wagners Handlung geht es vorbei. Es ist, als machte einer im Zuge einer ernsthaften Abhandlung unausgesetzt dümmliche Bemerkungen, bemühte sich aber gar nicht zu verstehen, worum es eigentlich geht. Der immanente Humor von Wagners Erzählung bleibt dabei selbstverständlich am allermeisten auf der Strecke. Wer nicht einmal den Haupttext zu entziffern versteht und sich mit lässigen Kommentaren zu aufgeschnappten Satzfetzen zufrieden gibt, vermag nicht zwischen den Zeilen eines Textes zu lesen.
Slapstick am Blasebalg
Nahezu jedes Detail dieser Produktion muß den, der auf die Musik hört, ärgerlich stimmen. Von dem Gezappel um die technische Vorrichtung des Blasebalgs, der bei Wagner längst arbeitet, ehe er von Flimms Darstellern in Slapstickmanier zum Gehen gebracht wird, bis zum Auftritt des Waldvogels, der aus dem Souffleurkasten kriecht und dorthin auch wieder verschwindet. "So wird mir der Weg gewiesen", singt Siegfried, folgt aber, der Souffleur wird es ihm danken, nicht dem Vogel. Vielmehr studiert er einen Plan, den ihm dieser gezeichnet hat. Wagners ganze Poesie ist mit einem scheinbar originellen Regieeinfall dahin.
Insensibilität ist leider auch im Orchestergraben Trumpf. Denn Adam Fischer, der den "Ring" im Vorjahr übernommen hat, dirigiert zwar solider als sein Vorgänger Sinopoli, aber ohne jede Subtilität. Ein dermaßen buchstabiertes Waldweben ist wohl nur unter der illusionslos tristen Kulisse Erich Wonders möglich, die uns die Neidhöle auch auf einem Exerzierfeld zeigt. Bäume sind längst alle abgeholzt.
Die Orchesterfarben wurden entsprechend matt. Nur in manchen gestisch besonders weit ausholenden Stimmungsmusiken, vor allem den Vorspielen eins und zwei, trumpft Fischer auf. Da geht es weniger um Detailzeichnung als um ungeschminkte Ausdrucksgebärden. Die gelingen fabelhaft.
Diesem ein wenig vordergründigen Stil passen sich auch die Sänger an. Graham Clark ist und bleibt ein hervorragender, diesmal freilich szenisch wie vokal grell outrierender Mime, dem sein finsterer Bruder, Hartmut Welker, an imposanter Roheit um nichts nachsteht.
Wagemutige Stimmhelden
Christian Franz ist der neue Jung-Siegfried, ein mutiger Geselle, der an seinem unverbrauchten Tenor Raubbau betreibt. Was anderen Mühe macht, fällt ihm so leicht, daß er geradezu nonchalant über alle Ecken und Kanten der Rolle hinweggeht. Wo es nötig ist drückt er auch einmal arg auf die Stimme.
Dieser Siegfried hat das Fürchten wahrhaftig noch nicht gelernt. Nicht einmal beim Gesangslehrer. Seine Brünnhilde, die nicht minder draufgängerische Evelyn Herlitzius klingt hingegen bei ähnlicher Verve schon wie eine zwanzig Jahre aktive Wagner-Heroine. Ihre Stimme wabert und wackelt bedenklich. Optisch ergeben die beiden ein erfrischend junges Heldenpaar, dem ein nuschelnder, in jeder Hinsicht undeutlicher Göttervater, Alan Titus, und eine schönstimmige, mit den expansiven Anforderungen der "Siegfried"-Erda aber doch ein wenig überfordert wirkende Urmutter gegenüber stehen.
Die negative Überraschung des Abends: Evgenia Grekova, die einen so schönen Tannhäuser-Hirten gesungen hatte, meckerte das Waldvöglein textundeutlich von der ersten bis zur letzten Silbe. Im Bayreuther Festspiel-Zyklus 2002 folgt heute abend die "Götterdämmerung". Am Freitag ist dann die unwiderruflich letzte Wiederaufnahme der letzten Wolfgang-Wagner-Inszenierung, "Meistersinger", unter Christian Thielemanns Leitung angesetzt.