Wie lang kann Wien noch aufgeigen?

Die Musikstadt Wien lebt von ihrem seligen Dreivierteltakt-Image. Doch kriselt es. Mit den großen Orchestern sind die Grundfesten des Musikbetriebs gefährdet.

Zwei der vier großen Wiener Konzertorchester, das Radiosymphonieorchester (RSO) und die Tonkünstler (NTO) sind ernsthaft in Gefahr. Ein weiteres, die Symphoniker, könnte in eine künstlerische Sinnkrise schlittern. Und das berühmteste von allen, die Philharmoniker, ist in Wahrheit ein Phantom - täglich beschäftigt als Opernorchester, im Konzertleben aber so gut wie nicht präsent und dank unkontrollierbarer Selbstverwaltung weit unter seinem künstlerischen Wert geschlagen. So schlimm ist es? So schlimm ist es!

Der Reihe nach. Das NÖ Tonkünstlerorchester soll nach Wunsch seiner Geldgeber mehr in St. Pölten aktiv werden. Sollte dieses Experiment scheitern, könnte nach drei Jahren der garantierten Übernahme des finanziellen Risikos durch das Land die letzte Orchester-Stunde geschlagen haben. Für Wien hieße das eine Farbe im musikalischen Mosaik weniger, und der Ausfall der Sonntagnachmittagskonzerte im Musikverein.

Mozart ohne Perücke!

Läßlich, meinen viele, die nicht weit genug denken. Diese Termine könnten mühelos andere übernehmen. Fragt sich nur: wer? Sieht man, daß mehr und mehr kommerzielle sogenannte "Perückenorchester" auch im Goldenen Saal einziehen und der Touristenschar ungeprobte Mozart- und Straußmelangen vorsetzen, dann grenzt das an fahrlässigen Ausverkauf. Es darf nicht egal sein, wer im Musikverein Mozart spielt!

In dieser Situation diskutieren Stiftungsräte im ORF über ein mögliches Ende des RSO Wien; just in jenem Moment, da mit Bertrand de Billy ein Chefdirigent sein Amt antreten soll, der mit Opernaufführungen und Schallplattenaufnahmen bewiesen hat, zu welchen Höhenflügen dieses Ensemble fähig sein kann. Das RSO war und ist Garant für enorme, in die zeitgenössische Szene heraufreichende Repertoirevielfalt und schon deshalb für die Wiener Musikszene unverzichtbar. Außerdem ermöglicht es dem Rundfunk die Chance zu künstlerisch anspruchsvollen Eigenproduktionen, die anders nicht realisiert werden können. Zukaufen, sagen ORF-interne Meinungsbildner. Auch hier die Gegenfrage: bei wem?

Im Schreckensszenario blieben als einziger Ausweg die Wiener Symphoniker. Denn die Philharmoniker tragen bei ihren wenigen frei verkauften Auftritten kaum zur Bereicherung des Repertoires bei - auch nicht in der Dirigentenfrage, denn wie in der Staatsoper meidet man auch auf dem Konzertpodium nahezu jede Berührung mit wirklich fordernden, prägenden Maestri unserer Zeit. Unter Beobachtern bringt man das auf die knappe, aber einleuchtende Formel: Sie sind das beste Orchester der Welt; aber sie machen selten Gebrauch davon.

Erste Qualität will gefordert und geformt sein. Eine Erkenntnis, die auch auf die Wiener Symphoniker zutrifft. Wladimir Fedosejew hat es als Chefdirigent zwar geschafft, der legendär exzellenten Bläsergruppe dieses Orchesters auch eine ebenbürtige Streicherriege zur Seite zu stellen. Das ist aber beinahe nur dann zu hören, wenn der Chef selbst am Pult steht. Im übrigen aber hat man bei den Symphonikern über Jahre hin keinen Kontakt zu interessanten jungen Dirigentenpersönlichkeiten gesucht, von denen einer imstande sein könnte, Fedosejew nun nachzufolgen; vielleicht sogar für eine konsequente, hochklassige Betreuung des klassischen Wiener Repertoires zu sorgen.

Daß man allen Ernstes über eine mögliche Berufung von Kent Nagano diskutiert hat, der seine Karriere ausschließlich mit Musik der Klasse zwischen Berlioz und Messiaen gemacht hat und für Mozart, Beethoven oder Bruckner keinerlei Referenzen vorzuweisen hat, zeigt diese Malaise ebenso wie ein Blick auf jene Dirigenten, die dieses Repertoire bei den Symphonikern zuletzt betreut haben.

ORF am Schalthebel

Überdies ist der Probenplan der Symphoniker bis übers Limit ausgereizt. Mehraufgaben wie etwa heikle Rundfunkproduktionen sind ihnen ebensowenig zuzumuten wie den Philharmonikern - ganz abgesehen von den Kosten, die solche Aufgaben verursachen würden.

Fazit: Wiens Musikleben ruht derzeit auf recht unsicheren Fundamenten. Qualitäten werden zu wenig gefordert und gepflegt (Dirigenten der Symphoniker, der Philharmoniker und - untrennbar damit verbunden - der Staatsoper), strukturelle Notwendigkeiten werden fahrlässig in Frage gestellt - im Falle des ORF sogar von einem Stiftungsrat, dem man, vordergründig betrachtet, gar nicht vorwerfen kann, daß er sich nicht um Fragen der Wiener Kulturpolitik kümmert. Daß der ORF sich aber aus der kulturellen Verpflichtung einer öffentlich-rechtlichen Anstalt herauszudrehen versucht, indem er die Produktion hochwertiger Musiksendungen, die nur mit eigenem Orchester möglich sind, nicht zu seiner "Kernkompetenz" zu zählen trachtet, das könnte einen Stein ins Rollen bringen, der die anderen genannten Probleme akut werden läßt.

Also tut ganzheitliches Denken Not, Zusammenarbeit aller kulturellen Entscheidungsträger; zuvörderst also: Einsicht in die grundlegenden Probleme. Vielleicht eine "Pisa"-Studie für Wiener Orchester?

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