Mustergültige musikalische Aufbauarbeit

Die Wiener Schule und ihre Nachwirkungen im 20. Jahrhundert: diesem Thema war ein bemerkenswertes Festival gewidmet - nicht in Wien, sondern in Gelsenkirchen.

Johannes Wildner, einst Wiener Philharmoniker, wirkt seit fünf Jahren als Generalmusikdirektor in Gelsenkirchen. Nun hat er dort über Pfingsten ein Festival arrangiert, das dem Publikum die Musik der Schönberg-Schule und deren Nachwirkungen nahebringen sollte. Wie das gelang, gehört zu den aufregenden Dingen des Musiklebens.

Es ist faszinierend, wie wichtig eine kluge musikalische Dramaturgie in Sachen der immer noch "neuen" Musik für die Akzeptanz des Publikums ist. Wildner gelang es, am Eröffnungsabend einen Bogen von Alban Bergs Orchesterstücken bis zu den "Baal-Gesängen" Friedrich Cerhas zu spannen und das Publikum in den Bann der musikalische Avantgarde zu ziehen.

Zuletzt verließen die Menschen das Auditorium spürbar bewegt und gefesselt. Sie waren, bekannten viele, als skeptische Neugierige gekommen, würden nun aber sofort wieder ein solches Konzert besuchen. Mehr kann man wohl nicht erreichen.

Da die "Baal-Gesänge" ein Konzentrat aus Cerhas Oper bieten, können sie auch als Kompendium der stilistischen Vielfalt in den Zeiten der "Neuen Einfachheit" gehört werden. Cerha mischt hier komplexe Schichtungen mit Anleihen an den Chansonton. Allan Evans servierte sowohl die enthaltenen Brecht-Lieder, wie auch die bewegenden seelischen Botschaften mit prächtigem Baßbariton. Da war auch die Neue Philharmonie Westfalen unter Wildners Leitung in ihrem Element.

Zuvor staunte man bereits, daß ein Meister wie Kurt Schwertsik es versteht, heutzutage feinsinnig aus ganz tonalen Wurzeln wachsende Klanggemälde zu malen, über denen sich der Geigenton Christian Altenburgers entfalten kann. Dieses zweite Violinkonzert Schwertsiks gehört zu den erfreulichsten Dingen der jüngsten österreichischen Musikgeschichte, führt sozusagen die Dritte Wiener Schule ins neue Jahrhundert.

Ihr gehört wohl auch Heinz Karl Gruber zu, dessen Schlagzeugkonzert den Schlußpunkt des Festivals bildete. Zwischendrin gab es einen Webern-Tag, an dem das Gestamtwerk des Schönberg-Schülers aufgeführt wurde. So gelang hier Aufbauarbeit mustergültig, die nicht nur das Ruhrgebiet nötig hätte.

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