Bettelstudent in neuem Gewand: Geschunden und zusammengeflickt

Wäre die Volksoper nicht die Volksoper, sondern ein unbedeutendes Stadttheater, man könnte nach der Premiere des "Bettelstudenten" sagen, der Start des avisierten Operettenzyklus sei ein rechter Erfolg gewesen.

Manchmal weiß man nicht, wo man sich befindet. Die Wiener Volksoper hat es vor gar nicht allzu langer Zeit geschafft, große Opern auf internationalem Niveau herauszubringen. Man sprach von einer Blütezeit und meinte, es dürfe nicht mehr "zweites", sondern nur noch das "andere" Wiener Opernhaus heißen.

Wer Millöckers "Bettelstudent" am vergangenen Samstag erlebt hat, dem kommen solche Erinnerungen irreal vor. Das können doch nicht dieselbe Bühne, dasselbe Ensemble, dasselbe Orchester sein, die einst so respektable "Meistersinger" herausgebracht haben!

Unbeschadet dessen, die Idee, der Operette eine ganze Spielzeit zu widmen, ist begrüßenswert. Mit Beispielen der heimischen, aber auch der französischen oder spanischen Spielart der Gattung will man bis Saisonende die Lebensfähigkeit des angeblich so unzeitgemäßen Genres unter Beweis stellen.

Einzelne Sänger richtig

Der "Bettelstudent" als Musterbeispiel für die vielzitierte goldene Ära der Operette stand am Anfang. Und nach der Premiere fragt sich, ob man einer geschundenen Kunstform wirklich auf die Sprünge helfen kann, indem man sie weiter schindet?

Einspruch gleich vorweg: Selbstverständlich gibt es im Wiener Ensemble Sänger, die Millöcker gerecht werden. Alfred Sramek zum Beispiel ist ein guter Ollendorf, singt wohltönend und serviert auch seine Pointen sicher. Das Couplet mit aktuellen Zusatzstrophen über Regierungsmitglieder, Opernball-Lemuren, begehrenswerte Operndirektoren inklusive.

Wenn Sramek die Initiative an sich reißt, dann veranstaltet er sozusagen außer Programm Miniaturfestivals instinktiver Dramaturgie, witzige, pointierte Theateraugenblicke. Ihm ebenbürtig ist Birgid Steinberger, die Laura, kokett, mit einem Schuß Überheblichkeit, aber zweimal am Abend imstande, die Zeit stillstehen zu lassen und alle Aufmerksamkeit zu fokussieren. Dann wird in jeder Geste, in jeder Phrase des beweglichen, leicht und sicher geführten Soprans ein Schicksal fühlbar.

So gewinnt die Aufführung momentweise eine Dimension, die ihr sonst vollständig abgeht. Nur das Damentrio mit Lauras Schwester Bronislawa (Bernarda Bobro) und der urkomischen Mama von Mirjana Irosch setzt noch amüsante, geradezu kabarettreife Pointen in Terzettform.

Die freilich sind vollständig isoliert in einem Ambiente, das Regisseur und Hausherr Dominique Mentha aus jämmerlichen Rohrkrepierern szenischer Slapstickkomödiantik zusamengepuzzelt hat. Wenn die sächsische Soldateska zum dritten Mal die Hacken zusammenschlägt und daraufhin schmerzverzerrt in die Knie geht, seufzt schon das halbe Publikum und verdreht die Augen gen Himmel. Der hat kein Einsehen und schickt keine dramaturgische Erleuchtung.

Nur gut gemeint

Wo die Ausstattung und die Kostüme dieses Abend bewußt zusammengeflickt und geradezu forciert unvorteilhaft wirken, fällt die Inszenierung unter das Rubrum "gut gemeint". Das ist bekanntlich das Gegenteil von gut. Mentha bemüht sich um Tempo, indem er die Darsteller bei einer Tür hinaus und bei der nächsten wieder auf die Szene jagt. Die Verkrampftheit der ungelenken Chorführung jedoch und ein eklatanter Mangel an echter, über motorische Bewegungsarrangements hinausgehender Personenzeichnung bringen die jeweils mühsam in Gang gebrachte Handlung immer wieder zum Erliegen.

Im entscheidenden Moment reduziert sich alles wieder auf das Geschick der einzelnen Darsteller. Im Falle des Bettelstudenten Sebastian Rheinthaller und seines Kumpanen Morten Frank Larsen bedeutet das, anders als bei Ollendorf und Laura, theatralischen Stillstand, Reduktion auf die stimmlichen Möglichkeiten. Die sind bei Larsen durch mangelnde Technik begrenzt, bei Rheinthaller jedoch imposant, vor allem, je höher Millöcker seinen Tenor in die Höhe lizitiert. In Richtung des hohen Cs stürmt dieser Sänger leidenschaftlich gern. Und in der oberen Mittellage singt er sogar ausdauernd schön.

Wenn er "der Polin Reiz" preist, kommt folgerichtig die Handlung völlig zum Erliegen, aber ein Sänger zelebriert seinen großen Auftritt. Daß das gelingt, hat noch einen tieferen Grund: Zu diesem Behufe fährt nämlich das Orchester zum zweitenmal an diesem Abend auf Bühnenhöhe, und Musikchef Thomas Hengelbrock greift zum Instrument, verwandelt sich in einen Stehgeiger. Das ist, überspitzt formuliert, der einzige Augenblick an diesem Abend, in dem die Volksopern-Musiker zeigen können, daß sie das Zuhören noch nicht verlernt haben und sich einem Sänger anschmiegsam anzupassen verstehen.

Das geht wirklich nur so lange, als Hengelbrock mit dem Geigespielen beschäftigt ist. Sobald er wieder dirigiert, verhindert er in enervierender Beharrlichkeit jegliche natürliche Entwicklung der Musik.

Musikalische Führung fehlt

Es ist unüberhörbar, daß sich das Orchester bemüht, bei alledem einen gewissen Schönklang zu bewahren. Das nützt aber wenig, wenn fast jeder Atemzug vom zu frühen Schlag des Dirigenten abgeschnitten wird, jeder Übergang durch allzulange Überdehnung zerbricht. Nicht nur den Musikern fällt das Phrasieren unter solchen Umständen schwer. Den Sängern macht es die Entfaltung der Kantilene hie und da geradezu unmöglich.

Jenseits der Ungeschicklichkeiten der Regie leidet dieser "Bettelstudent" also vor allem unter der völligen Absenz einer kundigen, sensiblen musikalischen Führung. Von Wiederbelebung der Operettenkultur kann also kaum die Rede sein. Eher von einer letztwilligen Verfügung bezüglich ihres endgültigen Untergangs.

Virtuos agieren an diesem Abend nur die Artisten, allen voran der unglaublich graziöse Stelzengänger und der Mann, der auf einem Rad über die Bühne kurvt und dabei Jongleurkunststücke vollführt. Wenn der auch noch mit den Ohren wackeln könnte, wäre er eine echte Bereicherung fürs Ensemble. Ob man mit diesem unter den gegeben Umständen den "Bettelstudenten" aufführen könnte, wäre dennoch erst zu beweisen.

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