Mozartstil, damit geht es dem Musikfreund wie dem Hl. Augustinus mit der Zeit. Solang man ihn nicht danach fragt, weiß er genau, was das ist. Einige Aperçus aus ständig gegebenem Anlaß.
Die Dinge, von denen die Leut' am meisten reden, die gibt's gar nicht, heißt es bei Schnitzler. Er meint, natürlich, die Liebe. Bei Mozart redet der Kunstkenner jedoch vom Stil. Er meint einen ganz bestimmten, dessen Eigenschaften uns sozusagen a priori einsichtig sein müssen. Definieren kann man ihn daher bestimmt nicht. Aber, na ja, Sie wissen schon . . .
Mozart muß man, um den offenbar ebenso unsagbaren wie jedermann einleuchtenden Gedanken fortzuführen, mit etwa jener Selbstverständlichkeit musizieren, wie die Kuh Milch gibt. Richard Strauss hat das nach eigener Aussage einmal aufs Komponieren umzulegen versucht. Herausgekommen ist dabei die "Alpensymphonie". Schafft es einer, Mozart mit dieser scheinbar unreflektierten Selbstverständlichkeit zu spielen, hört man ihm glücklich zu und spricht vom rechten Mozartstil.
So war das, wenn Karl Böhm ans Pult ging. Niemand hätte es gewagt, an seiner Kompetenz, die im Verein mit der ebenso naturgegebenen Kompetenz der Wiener Philharmoniker ihre höchste Selbstverständlichkeit zu erreichen schien, zu zweifeln.
Skepsis war erst jener Generation vorbehalten, die nach Böhms Tod die Errungenschaften der Originalinstrumenten-Forscher hochzuhalten begann und das einstmals so hochgerühmte Stilbewußtsein in Frage stellte. Schon wieder sprach man vom Mozartstil, wußte genau, wie die "Jupitersymphonie" gemeint war - wenn auch nichts mehr ganz so selbstverständlich, so unvermittelt zu klingen schien wie früher, als die Kühe noch einfach Milch gaben, ohne über dazugehörige EU-Biorichtlinien nachzudenken.
Figaro neben dem Grafen
Genau genommen, war die Frage: Wie hast du's mit dem Stil?, schon vorher virulent. Da war ja neben Böhm auch noch Karajan. Und dessen "Figaro" etwa war eine Viertelstunde früher aus als der von Böhm. Wie sollte man da argumentieren? Hatte der sonst so restriktive Stil plötzlich ein so weites Herz?
Es gab ja Menschen, die beides mochten, die fanden, Mozart klinge bei Böhm ebenso richtig, ebenso natürlich wie bei Karajan. Bei letzterem halt ein bißchen eleganter, als dirigierte er die Oper aus der Grafen-Perspektive, während Böhm, pardon, eher mit Figaros Augen in die Welt blickte - und hie und da grantelte wie sein Held in der Es-Dur-Arie.
Das weitere verschweig ich nicht, denn es kam anders, als die Mozartliebhaber damals meinten. Aus der Salzburger Perspektive gab es gleich nach Böhms Tod einen Ausweg aus der Krise. Während sich andere, wie schon gesagt, anschickten, ausführlich über die Stilfragen nachzudenken, bis der sprichwörtliche Tausendfüßler kein Beinchen mehr vors andere setzen konnte, währenddessen also kam einer, um ungeniert einfach Mozart zu dirigieren.
So schien es wenigstens: Als nämlich Riccardo Muti, zunächst nur für knallharte Verdi- und Bellini-Dirigate berühmt, "Così fan tutte" einstudiert hatte, ging ein aufatmen durch die Reihen der Mozartianer. Das klang bei allem Drill, der da hörbar sogar auf die Rezitative verschwendet worden war, schon wieder ganz natürlich. Offenbar kann man an Mozart auch so viel arbeiten, daß das Artifizielle, das Gearbeitete schon wieder ganz selbstverständlich, gottgegeben klingt.
In Wien, wo das Orchester, um das es bei alledem immer geht, daheim ist, wo es sozusagen für den Festspiel-Ernstfall das musikalische Milchgeben übt, kam es derweilen zu einer Verwirrungsphase. Aus der sind wir bis heute nur dann erwacht, wenn Muti kam, um im Theater an der Wien den Da-Ponte-Zyklus zu betreuen. Dazwischen klang's künstlich; oder unbewältigt; oder beides zugleich.
Zürichs Mozart-Wahrheit
Mutis Zyklus ist ja nun beendet und wir stehen vor der Frage, wie es weitergehen soll. Friedrich Gulda ist ja auch schon lang von uns gegangen. Der konnte das, was die großen Mozart-Dirigenten so gut vermochten, auf den Klaviertasten: einfach Mozart spielen. Ohne Wenn. Ohne Aber. Köchelverzeichnis 333 halt. Oder 466, sogar ohne dirigierenden Partner, nur so drauflosmusiziert mit den Philharmonikern. Unter dem Motto: Sengs' dös is Mozartstil!, klang das, als ob es anders gar nicht ginge.
Aber Weil Hegel die Dialektik erfunden hat, beweisen sie uns seither beinahe unausgesetzt, daß es in Wahrheit offenbar nur anders geht. So dachte man etwa auch während der bisher letzten "Zauberflöten"-Premiere in der Staatsoper, wo sich wieder einmal ein Originalinstrumenten-Papst bemühte, die neue Mozartwahrheit ins Haus zu bringen.
Ob das wirklich alles wahr gewesen ist? So richtig natürlich klang es dem Mozartfreund jedenfalls erst zwei Wochen später wieder ans Ohr - aber in Zürich, wo das dortige Orchester (man mag es nicht mit den Philharmonikern vergleichen müssen, aber doch) unter Franz Welser-Möst die "Zauberflöte" so spielte, daß man spätestens nach dem Übergang ins erste Allegro aufseufzen mochte: Na also, es geht ja!
So ist er, unser Stil. Wie ein Schelm schaut er heutzutage oft um Ecken, hinter denen man ihn gar nicht vermuten würde. Jüngst gastierte er im ORF-Funkhaus in der Argentinierstraße, wo die Musiker des RSO unter Bertrand de Billy einen "Figaro" für CD einspielten, als täten sie jahraus, jahrein nichts anderes als festspielreif Mozart aufspielen.
Dergleichen kann man jetzt zumindest aus dem Plattengeschäft mit nach Hause nehmen und dort sozusagen unter dem Motto "Zurück zur Natur" als klingenden Neuzugang zu den Erinnerungen an selbstvergessen stilvolle Mozarttage stellen. Es war einmal; und ist doch noch immer. Unser liebstes Paradoxon.