"Wien modern":Vom Bart³k-Jünger zum kühnen Klangarchitekten

Wolfgang Rihm, einer der meistgespielten zeitgenössischen Komponisten, im Gespräch anläßlich seines Gastspiels bei "Wien modern".

400 Aufführungen von Werken Wolfgang Rihms verzeichnet das von der Universal Edition herausgegebene Register im Jahr des 50. Geburtstags des Komponisten weltweit. Dafür gibt es im sogenannten E-Musik-Bereich kaum einen Vergleich. Rihm ist einer der meistgespielten Meister unserer Zeit.

Derzeit gibt es einen Rihm- Schwerpunkt im Konzerthaus, der auch deshalb spannend ist, weil neben jüngsten Kompositionen auch Musik gespielt wird, an die sich Rihm selbst gar nicht mehr erinnern kann.

Im Gespräch meint er zu den frühen Klavierstücken: "Die hab' ich als Teenager geschrieben. Siegfried Mauser hat sie im Archiv der Sacher-Stiftung ausgegraben und mir unlängst zwei daraus vorgespielt. Die fand ich eigentlich ganz nett." B©la Bart³k sei damals, so erinnert sich Rihm, sein großes Vorbild gewesen: "Ich hab' in einem Antiquariat eine Sammlung von Bart³k-Klavierstücken gekauft und war bewegt davon. Mir war das ja technisch zu schwer am Klavier, aber ich hab' es mir sozusagen ertastet." Komponiert hatte er, seit er Blockflötenunterricht bekam - "Stücke für mich und ein paar Lieder."

Ende der siebziger Jahre wurde es ernst, da sprach sich die Geschichte vom ungemein talentierten und einfallsreichen jungen deutschen Komponisten herum. Das war die Zeit, als man nach den seriellen Happenings der sechziger Jahre die sogenannte "Neue Einfachheit" propagierte. Unter dieses Rubrum gereiht zu werden, dagegen hat sich Rihm sogleich zur Wehr gesetzt. "Ich halte", sagt er heute noch, "überhaupt nichts von solchen Kategorisierungen und Ideologien." Ein Komponist, der sich durchsetzen möchte, muß seine ureigene Sprache finden, sagt Rihm: "Ein Talent erkennen Sie ja nie auf Grund seiner Fähigkeit sich einzuordnen, sondern auf Grund seiner Individualität."

Die besaß er selbst in reichstem Maße. Unangepaßt war er immer. Diesmal präsentiert er im Wiener Konzerthaus unter anderem sein 12. Streichquartett, und - heute, Dienstag abend - ein abendfüllendes Werk namens "Jagden und Formen", das Rihms Personalstil und seine originelle Erfindungskraft aufs schönste repräsentiert.

Rihm blättert die Partitur auf und zeigt die auch optisch gut erkennbaren Überlagerungen und Schichtungen seiner Komposition: "Sie besteht aus drei Stücken, die sozusagen übereinander montiert, ineinander geschoben werden, da läuft das eine weiter, während das andere bereits beginnt. Dazwischen schiebt sich ein drittes." Eine kühne Mosaiktechnik, die ihm durchaus den Vorwurf eingetragen hat, er gehe allzu frei mit der Musik um. Rihm: "Natürlich geht so etwas nicht willkürlich. Das müssen Stücke sein, die viel miteinander zu tun haben, die auf dem selben musikalischen Material beruhen."

Den Vergleich mit Darius Milhaud, der zwei seiner Streichquartette so komponiert hat, daß man sie auch gleichzeitig als Oktett musizieren kann, hört er nicht so gern: "Das ist eine andere Konzeption."

In Bachs Fußstapfen

"Bei mir ist das eher wie bei den Bearbeitungen, die Bach von seinen eigenen Stücken angefertigt hat. Da gibt es ja zum Beispiel auch ein Klavierkonzert, das sie plötzlich - mit neuen Chorstimmen - als Kantate wiederfinden."

Vor der großen Tradition der Musikgeschichte hat Rihm keine Scheu, benennt sogar ältere, mittelalterliche Techniken als Vorbilder. Sicher ist, daß er dem Motto, das ihm sein Lehrer Stockhausen mit auf den Weg gegeben hat, treu bleibt: "Man darf", hatte der dem jungen Studiosus gesagt, "nicht einmal etwas machen, sondern muß seinen Weg in aller Breite viele Jahre lang gehen."

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