Spectacles müssen sein - am schönsten in Wien

Sein Abschiedskonzert hat Claudio Abbado absolviert und in Wien zumindest metaphorisch den Berliner Taktstock an Simon Rattle abgegeben. So seltsam, wie das klingt, war der Ort gar nicht gewählt.

Wien und Berlin, das ist eine alte, aus Kaisers Zeiten datierende Rivalität. In jeder Hinsicht ist diese überholt. Nur in Orchesterfragen nicht ganz. Obwohl das Axiom, daß die künstlerisch ernstzunehmende Konkurrenz für die Wiener nur in Berlin zu finden sei, längst nicht mehr gilt. Der friedliche Wettstreit hat Tradition. Nicht erst seit Herbert von Karajan 1957 die Leitung der Wiener Staatsoper übernahm und damit der wichtigste Dirigent für beide philharmonischen Orchester wurde.

Schon Wilhelm Furtwängler hatte es verstanden, die Eifersüchteleien zwischen den Orchestern auszunutzen. Bei Karajan waren es die Wiener Philharmoniker, die in den letzten Jahren seines Lebens immer zur Stelle waren, wenn der Maestro seinen Berlinern gerade wieder einmal grollte. Dementsprechend waren aber auch die Wien-Gastspiele der Berliner mit ihrem Chef immer besondere Höhepunkte im Musikvereins-Programm.

Wenn dann das Herz der Wiener Musikanten für einen Dirigenten besonders hoch zu schlagen beginnt, dann kann es leicht sein, daß die Berliner ihn wegengagieren. Im Falle von Sir Simon Rattle war das beinahe so. Als die Wiener gerade Feuer gefangen hatten, designierte man Rattle zum Abbado-Nachfolger in Berlin.

Daß der italienische Maestro wenig Lust verspürte, dem Nachfolger den medienwirksamen Gag einer "Stabübergabe" vor laufender Kamera in Wien zu gönnen, paßt in sein introvertiertes Image. Die Signalwirkung, die von dem Parallellauf seiner letzten "Berliner Amtshandlung" und Rattles Wiener Beethoven-Zyklus ausgeht, die ist dennoch nicht zu übersehen.

Sowohl Abbado als auch Rattle verdanken ihre Karrieren einem perfekten Marketing, das nichts dem Zufall überläßt. Auch nicht die vorhersehbaren Reaktionen des Publikums. "Spectacles müssen sein", befand schon Kaiserin Maria Theresia. Inszenieren läßt sich's halt nach wie vor in Wien am besten.

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