Bilder von einem großen Dirigenten

Lorin Maazel dirigiert das heutige Eröffnungskonzert des Klangbogens im Musikverein. Ausschließlich Mozart steht auf dem Programm - und das ist weniger ungewöhnlich für diesen Dirigenten als es scheint. Atypische Perspektiven.

Lorin Maazel ist vielleicht der große Unbekannte unter den bekannten Dirigenten. Er gilt als unnahbar, zuweilen arrogant -und ist der amüsanteste Gesprächspartner, der sich denken läßt. Er hat Wien als Operndirektor nach zwei Jahren verlassen - und die Operngeschichte der Stadt doch so nachhaltig verändert wie kein Direktor seit Karajan. Er gilt als Spezialist für komplizierte Musik der Spätromantik und der Moderne, und hat doch seine Karriere hierzulande über lange Jahre als Mozart-Interpret gemacht.

Aber daran erinnert sich kaum jemand mehr, wenn er das Plakat des heutigen Eröffnungskonzertes des "Klangbogen"-Festivals studiert. Die drei letzten Mozartsymphonien dirigiert Maazel und das ist für alle, die ein wenig weiter zurückblenden, ein D©j -vu-Erlebnis. In den sechziger Jahren, als der Amerikaner nach einem beachtlichen, sogar von Toscanini geförderten Wunderkind-Start Europa zu erobern begann, war er zwar der jüngste Dirigent der Bayreuther Festspiele, als er 1960, dreißigjährig, für "Lohengrin" ans Pult trat.

Aber in Salzburg holt man ihn für philharmonische Mozart-Konzerte. Und zwar immer wieder. Dann war es Maazel, der das umgebaute Kleine Festspielhaus mit einem neuen "Figaro" eröffnete, der später auch die "Entführung aus dem Serail" und zuletzt den "Don Giovanni" dirigierte.

Für seine Wiener Amtszeit hatte der Kurzzeit-Direktor vorgesehen, den "Figaro" im Repertoire zu übernehmen, weil ihm das Mozartdirigieren zu den "Chefsachen" zählte. Aber dazu kam es nicht, weil eine beispiellose politische Intrige ihm die Lust am Weitermachen raubte.

Zwanzig Jahre ist es her, daß Maazel sein Amt als Wiener Opernchef antrat. Als er nach zwei Jahren vorzeitig Abschied nahm, hatte er mit "Turandot", "Lulu" oder dem Ballettabend "Daphnis"/"Feuervogel" einige der aufregendsten Premieren der jüngeren Wiener Operngeschichte dirigiert - aber auch das Repertoiresystem umgekrempelt.

Die Beziehung Maazels zu Österreich riß nie ganz ab. Das Neujahrskonzert hat er so oft dirigiert wie nach Willi Boskowsky kein anderer. Für die Wiener Philharmoniker blieb er einer der wichtigen Dirigenten.

Wie Karajan vor ihm war er der Überzeugung gewesen, ein täglich wechselnder Spielplan ohne die nötigen Proben sei künstlerisch nicht mehr zu verantworten. Also trat er als Reformator an und verkündete die Herrschaft des "Blocksystems". Neben sich duldete er zu dessen Durchsetzung Berühmtheiten wie Claudio Abbado, Riccardo Chailly, Christoph von Dohnanyi oder Erich Leinsdorf. Den heutigen Chefdirigenten Seiji Ozawa hatte er bereits unter Vertrag.

Mit Maazel ging ein Großteil der bekannten Dirigenten. Große Namen sind nur noch Einzelerscheinungen am Staatsopern-Pult. Den Wienern war das Blocksystem nicht sympathisch gewesen. Es blieb jedoch, alle Nachfolger übernahmen es, nannten es nur nicht beim Namen.

Wie auch immer: Die Beziehung Maazels zu Österreich riß nie ganz ab. Das Neujahrskonzert hat er so oft dirigiert wie nach Willi Boskowsky kein anderer. Für die Wiener Philharmoniker blieb er einer der wichtigen Dirigenten - mit ihm landeten sie auch auf Gastspielreisen enorme Erfolge; freilich auch den größten Flop mit einem verunglückten "Bolero" in Madrid, der, weil Mißerfolge so attraktiv sind, mehr Schlagzeilen machte als etwa die atemberaubende Aufführung der "Elektra", die wienerische Opernkunst in New York auf einem Niveau präsentierte, das sie daheim nur äußerst selten mehr erreichte.

"Elektra" war auch eine jener Aufführungen, mit denen Maazel und die Philharmoniker in Salzburg eine musikalische Qualität hochhielten, als sie von Seiten der Festspielführung gar nicht mehr intendiert schien. Die Diskrepanz zwischen diesen Aufführungen und denen, die das Regime Gerard Mortiers im übrigen für festspielreif hielt, war des öfteren frappant.

Aber das wollten etliche Kommentatoren nicht wahrhaben. Wenn spätere Generationen einmal die Live-Mitschnitte der Salzburger Premieren miteinander vergleichen, werden sie sich wohl über manche Diskrepanz zwischen geschriebener und akustisch dokumentierter Chronik wundern.

Das paßt schon wieder zum Image dieses Künstlers, das hie und da seltsam quer zur Realität zu stehen scheint - und am Abend dann doch immer wieder zurechtgerückt wird. Vielleicht auch heute, bei Mozart im Musikverein.

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