Ziemlich abgespielt : "Jonny spielt auf"

Kreneks "Jonny spielt auf" war 1927 ein Sensationserfolg beim Publikum und ein Skandal in den Augen der Nationalsozialisten. Beides scheint angesichts der Staatsopern-Wiederaufführung völlig unverständlich.

Einer "frechen negerisch-jüdischen Besudelung" war die Wiener Staatsoper in den Augen der Nationalsozialisten Ende der zwanziger Jahre durch Ernst Kreneks "Jonny spielt auf" ausgesetzt. Womit diese, wie Marcel Prawy schon richtig festgestellt hat, bewiesen hatten, daß sie "Othello" nicht kannten, aber auch über Ernst Krenek falsch informiert waren.

Erreicht haben die braunen Demonstranten damit, daß die Oper ein Dreivierteljahrhundert später, am 16. Dezember 2002, noch einmal im Haus am Ring zur Premiere kam. Die zeitgeschichtliche Dimension, die "Jonny spielt auf" durch den Kulturterror Ende der zwanziger Jahre zugewachsen ist, bleibt nämlich seine einzige. Das Werk selbst ist textlich wie musikalisch von erschreckender Substanzlosigkeit.

Was die Menschen in der Spielzeit 1927/28, lassen wir die Intentionen der wahrhaftig nicht an der Sache orientierten Krawallmacher beiseite, an Kreneks Stück interessiert haben mag, ist heute nur noch zu ahnen. Wahrscheinlich fand man es todschick, daß auf den hehren Brettern, die die Opernwelt bedeuten, plötzlich Modetänze und Tingeltangel-Elemente Einzug hielten, daß Musiktheater-Größen von Wagner- und Verdiformat einmal einen Foxtrott aufs Parkett zu legen hatten.

Aber mehr als diesen sanften Kick hat "Jonny spielt auf" nicht parat. Einwegkitzel, wenn man so will, denn einen Grund, sich das Stück ein zweites Mal anzuschauen gibt es nicht. Das beweist die von Andreas Reinhardt und Falk Bauer gelackt dekorierte Staatsopern-Wiederaufführung schlagend. Immerhin steht Musikchef Seiji Ozawa am Pult und versucht, aus den Philharmonikern und dem Ensemble aus beliebten und guten Sängern das Höchstmaß an detailverliebter, rhythmisch wie expressiv differenzierter Gestaltung herauszumodellieren.

Trotzdem bleibt der Eindruck, daß Krenek hier nur einem der Sänger, dem europäischen Komponisten Max, eine anspruchsvolle Rolle komponiert hat, so anspruchsvoll, daß Torsten Kerl immer wieder Gefahr läuft, sich an den in extreme Höhen geschraubten Koloraturen zu verschlucken, weil ihm die Stimme in den Hals zu rutschen droht.

Mühsame Handlung

Die übrigen müssen die vom Komponisten selbst mühsam gedrechselte Handlung in endlos scheinenden, völlig unmelodiösen Rezitativen abwickeln, ohne viel Chancen auf raffinierte Charakterisierung mittels vokaler Selbstdarstellung. Weder gibt es ein freches Solo für das neckische Kammerkätzchen Ildiko Raimondis, noch eine ausgiebige Arie, mit der sich die berühmte Sängerin Anita (Nancy Gustafson) in Primadonnen-Positur werfen könnte.

Statt dessen muß sie sich von Gnaden des Regisseurs Günter Krämer wie eine Nymphomanin auf alle erreichbaren Männer stürzen. Mehr und andere als solch zotige Aktion ist dem Inszenator nicht eingefallen. Dort, wo es von Krenek notdürftig arrangierte szenische Konflikte geben könnte, läßt Krämer die Sängerriege in Reih und Glied, mit Klavierauszügen in der Hand, an die Rampe treten.

Oder er verlegt die Handlung kurz in den Zuschauerraum, wo dann taschenlampenbewehrte Polizisten Besuchern mit Parkett-Ticket in die Augen leuchten und die Damen angeregt, Bo Skovhus beim Umkleiden zuschauen dürfen - tatsächlich das Aufregendste, mit dem der Titelheld an diesem Abend "aufspielen" darf, denn Krenek schenkte auch seinem Jonny nur eine einzige halbwegs sangbare Nummer.

Im übrigen ist der "Neger Jonny" ein übles Subjekt, das einem bläßlich-eitlen Violinvirtuosen (Peter Weber) die Geige stiehlt und auch sonst eine politisch reichlich inkorrekte Figur abgeben muß. Von der Konfrontation zwischen der Kultur der Alten Welt und der Zivilisation aus Amerika erzählen im Falle dieser Oper nur die Krenek-Exegeten. Der Zuschauer wartet auf die versprochenen zündenden Jazztänze. Die werden vom glitzerrot verkleideten Bühnenorchester etwas biedermeierlich absolviert, sind aber dermaßen spärlich in die sonst öde Komposition eingestreut, daß sie das musikalische Kraut nicht fett machen.

Im Gegenteil: Kreneks Versuche, in einem freien tonalen Raum traditionelle Formen neu zu beleben und mit modischen Unterhaltungsklängen zu vermengen, scheitert vor allem an der harmonischen Inkonsistenz seines Tonsatzes.

Melodische Einfälle fehlen

Da schweben die ohnehin nicht berauschend originellen melodischen Einfälle in einem allzu freizügig arrangierten tonalen Terrain recht ungestützt herum.

Sie stürzen ab wie die Bewegungsarrangements der Staatsopern-Neuinszenierung, denen jeder Elan, jede Brisanz abgeht. Angeblich gibt es eine Choreographie von Renato Zanella. Doch beschränkt sich diese auf müdes Beinauf-Beinab einiger Revue-Girls. Die defilieren zwar, damit die Herren im Parterre auf ihre Rechnung kommen, auch einmal durchs Auditorium.

Auf der Bühne aber lahmt die Angelegenheit, die nur durch eine freche, dreist die Dramaturgie Kreneks überfahrende Bewegungs-Show überhaupt zu retten wäre. Und erstirbt in tödlicher Langeweile. Bezeichnend, daß man die Pause nicht dort beläßt, wo der Komponist sie vorgesehen und ein halbwegs applausanregendes Finale geschrieben hat, sondern eine Szene später, wo Komponist Max ermattet auf seinem Flügel liegt und - einschläft. Wie mancher Wiener Opernfreund in seinem roten Sesselchen an diesem Abend.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.