Unter André Previn musizierten die Philharmoniker im vorletzten ihrer heurigen Abonnementkonzerte Musik des 20. Jahrhunderts - und ernteten lauten Applaus.
Xavier de Maistre haben die Wiener Philharmoniker vor drei Jahren gefunden. Er zählt zur seltenen Spezies der Harfenisten und hat (in Smetanas "Vysehrad") bereits das erste Abonnementkonzert der Saison mit rauschendem Klang einbegleitet. Diesmal saß er als Solist vor seinem Orchester und zauberte in Alberto Ginasteras Harfenkonzert eine erstaunliche Anzahl von Farben und Klängen aus seinem Instrument. Ginasteras Werk pendelt raffiniert zwischen impressionistisch verfeinerten koloristischen Effekten und südamerikanischen Rhythmen.
Daraus webten die Musikanten einen höchst wirkungsvollen Klangteppich. Dank Andr© Previns Kunst, mit wenigen knappen Gesten den Klangsinn des Orchesters zu stimulieren, rhythmisch punktgenaue Einsätze zu garantieren, im übrigen jedoch nicht durch vordergründig gestaltungswillige Gebärdensprache den natürlichen Fluß der Musik zu vergewaltigen, waren zuvor schon Brittens "Sea Interludes" aus "Peter Grimes" zur brillanten Orchesteretüde geworden.
Danach gab es Rachmaninows Zweite, die bei einem effekthascherischen Dirigenten leicht zum vordergründigen Geklingel werden könnte. Freilich: Auch hier waltete der Maestro als souveräner, auch angesichts der mächtigsten Steigerungswellen kühl bleibender Organisator. Da hörte man also klare Konturen, die auf große Bögen setzende Architektur Rachmaninows schien wie auf dem Reißbrett nachgezeichnet; doch atmeten die Kantilenen frei und schön, ob selbstvergessen, wie im Klarinettensolo des Adagios, oder kollektiv, wie in den elegischen Gesängen der Streicher.
Ein kühner Sprung
Nicht alle Abonnenten kamen freilich in den Genuß dieses ungewöhnlich programmierten Vormittags. Schließlich verhießen die Lebensdaten der Komponisten Fürchterliches: Rachmaninow ist 1943 gestorben, Briten 1976 und Ginastera gar erst 1983! Da versuchte mancher vor dem Musikvereinsgebäude im letzten Moment seine Karte an den Mann zu bringen. Doch war in gewisser Hinsicht das Konzert der Höhepunkt der philharmonischen Spielzeit. Nie zuvor ist das Orchester so kühn über den Schatten seiner Programm-Tradition gesprungen.