Christian Thielemann dirigierte bei den Salzburger Osterfestspielen deutsche Romantik. Faszinierend, wie gut die Berliner Philharmoniker doch spielen können!
Irgendwie gehört Hans Werner Henze doch zur deutschen Romantik, auch wenn er das nicht gern hört. Vorbei die Zeiten, in denen er mit fragilen kammermusikalischen Linien eine traumverlorene Italianità zu beschwören versuchte. Heute schiebt er mit Lust am machtvoll geballten Klang mehr und mehr musikalische Blöcke in- und übereinander, sodaß sich die einzelnen Prozesse zum faszinierenden, aber kaum durchdringlichen Konglomerat verdichten.
Hin und wieder ist es, als würden zyklopische Dur- und Molldreiklänge wie gigantische Traversen zur Stützung unter das Ganze gezogen. Zehn Minuten dauert die dieserart gefügte "Fraternité". Sie stand vor Mendelssohn und Schumann, mit denen Christian Thielemann bei seinem Debüt im Großen Festspielhaus seinen Rang als singulärer Klangmagier zementierte.
So perfekt und ausgewogen in allen Teilen hat man auch die Berliner lang nicht mehr gehört. Der beim Auftritt nervös wirkende Thielemann fokussiert, wie verwandelt, mit dem ersten Takt die gesamte Konzentration auf sich - und das Orchester produziert einen unverwechselbaren, herrlich dunkel timbrierten Klang. Die höchste Differenzierungskunst, eine wahrhaft unerhörte Flexibilität der Mittelstimmen, gehen Hand in Hand mit über ganze Sätze gespannten Steigerungsbögen.
Mag sein, daß die Tempi in den Mittelsätzen von Schumanns Zweiter von gewagter Langsamkeit waren, der Gang der symphonischen Handlung kam trotzdem nie ins Stocken. Und die Darstellung von Mendelssohns Reformationssymphonie gehört in die Chronik der Salzburger Festspielwunder. Mit solcher Innigkeit, solchem Tiefgang spielt nicht bald ein Orchester. Mehr als nur Freude am herrlichsten Musikantentum - am Ende doch: ein künstlerisches Fest zur Osterzeit.