Der musikalische Spieltrieb am Ende der Zeiten

Friedrich Cerhas jüngstes Werk und György Ligetis Violinkonzert erwiesen am Beginn des Konzerthaus-Festivals "Hörgänge", wie souveräne Komponisten ihre Positionen markieren.

"Wir waren, wie man so sagt, après", sang einst Helmut Qualtinger in ganz anderem Zusammenhang. Der Satz trifft die Situation des Musikschaffenden im 21. Jahrhundert gut. Hörern, die das Abenteuer auf sich nehmen, Komponisten auf ihrer einsamen Insel zu besuchen, muß der schöpferische Künstler Unverwechselbares vorsetzen. Von einer Weiterentwicklung in chronologischem Sinne kann längst keine Rede mehr sein.

Es geht, das erwiesen beide Werke, die zum "Hörgänge"-Auftakt vom ORF-Orchester unter Peter Rundel gespielt wurden, um eine höhere Form des Spieltriebes. Bei Ligeti liegt das offen zu Tage. "Akrobat schön!", möchte man ausrufen, wenn Ernst Kovacic zuletzt kadenzierend alle technischen Möglichkeiten des Geigenklangs wie ein meisterlicher Jongleur durcheinanderwirbelt. Was bei Ligeti mit leichter Hand, hier amüsant, dort voll sehnsüchtiger Besinnung auf romantische Kantabilität zum postmodernen Klangmosaik gebastelt scheint, erfährt im neuen "Hymnus" von Friedrich Cerha sozusagen die Nobilitierung. Der Meister nimmt sich viel Zeit, um in Ruhe auszuforschen, was Ligeti in quasi kindlichem Experimentiergeist anreißt: das Hinterfragen unserer harmonischen Hör- und Spielgewohnheiten, die Wiederherstellung der natürlichen Ordnung der Obertöne.

Aufbruch zu neuer Ästhetik

Cerha verstärkt sie, verlängert sie, macht sie zu wuchernden, schließlich überwältigend anwachsenden Gegenfiguren - als wollte er mit Macht die Heraufkunft einer neuen Sensibilität für die Ordnung der Klänge, wie sie die Natur diktiert, beschwören. Vielleicht bricht die Musik da am Ende der historischen Entfaltung der Dur-Moll-Harmonik in neue Regionen auf - entdeckt den nächsten Teilton der Obertonskala, um ihn einer neuen Klangästhetik dienstbar zu machen . . .

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