Verdis "Don Carlos" wurde dank Chefdirigent Philippe Jordan im Opernhaus Graz zum musikalischen Fest.
Philippe Jordan machte "Don Carlos" (in der üblichen italienischen Fassung) zu einer der aufregendsten, in sich geschlossensten Aufführungen, die sich denken lassen. Aus feinsinnig modellierten Details läßt Jordan auf natürlichste Weise die großen Strukturen von Verdis Dramaturgie wachsen. Obwohl oder gerade indem er aufzeigt, daß Verdi jede Regung des Textes minuziös nachvollzieht und oft innerhalb einer Phrase die Schattierung, den Tonfall wechselt, reißt die Spannung in dieser Vorstellung nie ab.
Das Orchester spielt mit der denkbar größten Klangschönheit, serviert aber auch die vielen grellen, fahlen, jedenfalls anti-belkantesken psychologischen Details ungebremst. So erklingt "Don Carlos" so reich differenziert, wie ich ihn lange nicht - wenn überhaupt je - gehört habe.
Die Grazer Besetzung kann in manchen Momenten sogar in vollen Zügen mithalten. Vor allem die Damen reüssieren. Tamar Iveri ist eine wunderbar lyrische, zu großer Emphase bereite Elisabeth, in deren Gesang die Seele mitschwingt. Malgorzata Walewska kontert als kräftige, impulsive Eboli, der auch die extremen Passagen - vom Ziergesang des "Schleierlieds" einerseits bis zu den ekstatischen Ausbrüchen der Schlußszene andererseits - keine Mühe bereiten.
Bei den Herren dominieren der schöne, wenn auch nicht besonders große Bariton von James Westman (Posa) in stilistischer Hinsicht, der sehr ungeschlachte, nur in der großen Arie bemerkenswert zurückgenommene Baß von Andrea Silvestri (Philipp II.) im Hinblick auf die Durchschlagskraft. Titelheld Jorge Perdigon hat ein nicht unsinnliches, etwas rauchiges Tenortimbre, plagt sich aber mit längeren Phrasen und höheren Tönen allzu sehr. Im übrigen paßt die Leistung des gut harmonisierten Ensembles; wobei Philippe Jordan sogar die meist gestrichene Bühnenmusik auf Punkt und Komma präzis realisiert.
Bleibt die Regie G. H. Seebachs. Sie ist nicht der Rede wert, versagt vor dem Anspruch einer psychologischen Charakterisierungskunst völlig, serviert nur platte Effekte - bis hin zum verfilmten Autodafe. Wer in Graz ins Kino gehen will, kann das tun . . .