Die Wiener im Herzen...

Er hat es geschafft: Auf seine „Neunte“ – wie bei Beethoven mit Chor – folgt eine vollendete „Zehnte“. Besuch bei Hans Werner Henze in Marino anlässlich der Uraufführung der 10. Symphonie durch Simon Rattle bei den Luzerner Festwochen.

Schon die Anfahrt ist berückend: Der Zug schlängelt sich durch die Vorstädte Roms in Richtung der Albaner Berge. Kaum eine halbe Stunde vom hektischen Zentrum der Ewigen Stadt lebt im harmonischen Hügelland vor Castelgandolfo einer der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart. Inmitten eines prachtvollen Parks steht Hans Werner Henzes Landgut. Er hat es in den sechziger Jahren erworben – eine Ruine, die er behutsam renoviert und zu einem luxuriösen Refugium ausgebaut hat.

In seinem Paradies mit eigenen Olivenbäumen und einer wohlbestellten kleinen Landwirtschaft führt er ein ebenso ruhiges wie produktives schöpferisches Leben. Hie und da empfängt er Besuch. Und erzählt: In Marino arbeitet er allmorgendlich, „früh wann die Hähne krähen“, zitiert er Mörike. Wenn alles ringsum erwacht ist, hat er sein Tagespensum oft schon erledigt.

Literarische Inspirationen

Seit Ende der vierziger Jahre komponiert er. Sein ÂŒuvrekatalog ist immens. Neben den alles beherrschenden Opern gibt es zahllose Werke für unterschiedlichste Besetzungen, viele Vokalwerke nach Texten der wichtigsten zeitgenössischen Autoren – nicht zuletzt nach Gedichten der ihm über Jahre hin freundschaftlich verbundenen Ingeborg Bachmann.
Auch seine Symphonien sind zuweilen literarisch inspiriert. Die Vierte war ein instrumentaler Auszug aus seiner riesenhaften Märchenoper „König Hirsch“, in der Sechsten, die der Zeit des aktiven politischen Engagements des Komponisten entsprang, findet sich inmitten die instrumentale Vertonung eines kubanischen Gedichts. Erst Mitte der achtziger Jahre entstand die Siebente – ein dunkles, dicht gesetztes, nun doch die deutsche symphonische Tradition reflektierendes Stück, dessen Finale von Hölderlins „Hälfte des Lebens“ inspiriert wurde. Damals markierte Henze den extremen Gegenpol zur strawinskynahen Ästhetik seiner vergleichsweise spielerischen, concertohaften Fünften, die für Leonard Bernstein und die New Yorker Philharmoniker entstanden war.

Porträt eines Dirigenten

Die Achte brachte ihn zu lichteren Klängen zurück, zu jener von langen Melodien durchzogenen Italianit , um die sich der Wahl-Südländer sein Leben lang bemüht hat, sie mit strengen symphonischen Formen zu vermählen. Die Neunte war ein Chorwerk, wohl bewußt als Gegenklang zur „Ode an die Freude“ konzipiert – nach Anna Seghers den nationalsozialistischen Terror anklagendem Roman „Das siebte Kreuz“. Vor zwei Jahren hob nun Simon Rattle ein Orchesterwerk Henzes unter dem Titel „A Tempest. Rounds for orchestra“ aus der Taufe – der erste, auch allein lebensfähige Satz der Zehnten, die nun vollendet vorliegt und am 17. August – wiederum von Rattle – in Luzern uraufgeführt wird. Christian Thielemann wird im Dezember in München die deutsche Erstaufführung dirigieren. „Er wird damit leben müssen“, sagt Henze, der Thielemann als einen der besten heutigen Dirigenten verehrt, „daß der zweite Satz der Zehnten das Porträt eines andern Dirigenten, Simon Rattle, ist.“

Das kam so: „Rattle hat mich nach einer sehr schönen Aufführung meiner Achten gefragt, ob ich nicht etwas für ihn schreiben möchte. Als ich ihn fragte, was er sich vorstelle, meinte er plötzlich: Ich hätte gern ein Porträt von mir. Wie Sie mich sehen. – Das habe ich einfach gemacht. Warum nicht? Rattle ist ein wunderbarer Mann.“

„Die Komposition hat sich, wie immer, hingezogen über Jahre“, erzählt Henze weiter, „dann kam der Auftrag von Paul Sacher. Und wenn Rattle das jetzt dirigiert, dann dirigiert er sich selbst. Why not?“

Henze und die Wiener Philharmoniker

Christian Thielemann wird 2003 jedenfalls Henzes neueste Oper uraufführen, ein Auftragswerk der Salzburger Festspiele. „Erstmals“, sagt der Komponist, „habe ich selber meinen Text geschrieben. Da kann ich den Text beim Komponieren noch ändern, ohne daß ich lange telephonieren muß“ – wie früher bei Librettistenprominenz von W. H. Auden über die Bachmann bis Edward Bond. „Ich habe ein arabisches Märchen gewählt. Ursprünglich sollte das ein Kammerspiel für das Ensemble Modern werden. Dann kam die Anfrage des Salzburger Intendanten Peter Ruzicka. Na ja, als das Wort Wiener Philharmoniker fiel, da wurden meine Lustvorstellungen in eine ganz andere Richtung geweckt. Seitdem schreibe ich eine Partitur mit den Wienern im Ohr und im Herzen.“

„Die haben meine ,BassaridenÂ’ in Salzburg uraufgeführt. Mitte der sechziger Jahre. Und dann mein ,AppassionatamenteÂ’. Da hat man gehört, was dieses Orchester kann. Auch das grellste Fortissimo hat da Qualität. Es klingt nie lärmend,“ schwärmt Henze bereits in Vorfreude auf die Festspiele des kommenden Jahrs. Vor 50 Jahren kam sein erstes Bühnenwerk, die „Manon“-Vertonung „Boulevard Solitude“ zur Uraufführung. Heute weiß der Meister selbstverständlich, wer die Stars seiner nächsten Uraufführung sein werden: Neben Dirigent Thielemann stehen Matthias Goerne und Ian Bostridge als Solisten fest, denen Henze Rollen auf den Leib schneidert. Derzeit hält er gerade bei der Reinschrift des siebenten von elf Bildern.

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