Im Dickicht der ohrwurmfreien Zone

Thomas Hampson triumphierte als Verdis "Simon Boccanegra" in der Staatsopern-Übernahme von Peter Steins Salzburger Inszenierung. Ein Verdi-Abend von gediegener Qualität.

Mehr als freundlicher Applaus ohne Widerrede für Verdis vielleicht komplizierteste Oper. Connaisseurs freuen sich über jede Begegnung mit "Simon Boccanegra", obwohl, oder vielleicht gerade weil der Komponist hier sein dramaturgisches Geflecht nicht über einem Gerüst einschmeichelnder Arien knüpft. Vielmehr hat der Komponist die Tragödie zur ohrwurmfreien Zone erklärt, um in Tönen konzentriert und ohne Unterbrechung die Schlingen einer Tragödie zusammenzuziehen.

Für diese Art der Dramaturgie hat die Staatsoper mit Daniele Gatti einen guten Dirigenten gewählt. Der Debütant hat es offenkundig geschafft, die Philharmoniker zu motivieren wie seit langem niemand im Haus am Ring. Vom ersten Moment an herrscht äußerste Konzentration. Minuziös arbeiten die Musiker Schattierungen im Piano- und Pianissimobereich heraus, modellieren hier noch einen kleinen Akzent, da noch eine Biegung - und spielen auf die ebenso knappen wie präzisen Kommandos des Maestro dann unter Umständen gleich noch leiser, noch zarter; bis hin zur Unhörbarkeit.

Kleinteiliger ist zuletzt kaum je aufgespielt worden. Freilich übertüncht die Freude darüber ein wenig den Mangel an koloristischem Feinschliff. Die sinnliche Komponente des Klangs kommt bei Gatti zu kurz. Wo die Musik aufblühen sollte, bleiben die Farben stumpf. Zuweilen zerbröselt gar die Struktur der Musik wie hie und da der Zusammenklang der Primgeigen.

Eines von vielen Beispielen dafür: Die Erkennungsszene zwischen dem Titelhelden und seiner Tochter modelliert Gatti feinnervig, steigert sie zu erregender Nervosität. Wenn sich die beiden dann aber glücklich um den Hals fallen, verliert sich der Orchesterklang im unstrukturierten Fortissimo. Die große Linie geht auf diese Weise meist verloren.

Tugend des Liedgesangs

Die Sänger haben an diesem detailverliebten orchestralen Mosaik im entscheidenden Moment der Emphase daher kaum das nötige Fundament. Wo sich in dieser en d©tail so bemerkenswerten Aufführung Gefühle en gros einstellen sollen, da sind es nur die Sänger, die Verdis weitgespannte Melodiebögen aufrechterhalten.

Und auch da nur die besten der inhomogenen Besetzung, allen voran Thomas Hampson, der eine ganz eigene, ganz eigenwillige Deutung des Dogen gibt, fernab vom kraftvollen Stentor-Image der alten italienischen Schule. Dieser Simon Boccanegra ist mehr an den Tugenden des Liedgesanges geschult, trumpft nicht auf mit machtvollen Ansprachen, sondern mit leisen, je nachdem liebevollen oder maliziösen Zwischentönen, die er aber auch geschmeidig in unendliche melodische Linien zu kleiden versteht.

Aufregend, wie dieser Mensch zuletzt, im Augenblick der Versöhnung, das Unvereinbare eint, Glück und Todesqualen gleichzeitig fühlbar macht. Solche Harmonisierung der Gegensätze kann, ist man versucht zu sagen, nur bei Verdi gelingen. Aber auch nur Sängern von Hampsons Format. Cristina Galardo-Domas beweist als Amelia, wie schwer das in Wahrheit ist. Ihr Sopran ist überhaupt nicht beweglich und zu keiner Differenzierung fähig. Wo sie die großen Ensembles anführen und sicher überwölben sollte, herrscht Brüchigkeit, vokale Anämie.

Viel besser, jedenfalls sicher und kraftvoll in der Linienführung, schlägt sich da Miro Dvorsky als Gabriele Adorno, wenn er auch nicht über die sinnliche Qualität der vokalen Mittel verfügt, über die etwa der - für die Rolle des Intriganten bemerkenswert schönstimmige - Paolo von Boaz Daniel gebietet.

Uneinheitlich bleibt die Leistung Ferruccio Furlanettos als Fiesco. Sein Baß wirkt dort, wo er allzu stark auf Druck singt, schon recht brüchig, bringt in belkantesken Regionen aber doch sehr eindrucksvolle, dezente Kantilenen zum Klingen.

So bietet die akustische Gesamtheit dieser Übernahme von den Osterfestspielen 2000 ein ähnliches Bild wie die optische von Peter Steins Inszenierung. Womit der dritte Weltklasseregisseur nach Visconti und Strehler mit "Simon Boccanegra" eine solide, gewiß nicht große, aber doch brauchbare Handwerkerarbeit für die Staatsoper geliefert hätte.

Das Stück ist also wieder da. Es ist zu erkennen. Es könnte nun in wechselnden Besetzungen seine Qualitäten entfalten und eine neue Generation von Opernfreunden von der Vielseitigkeit in Giuseppe Verdis psychologischem Schatzkabinett überzeugen.

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