Salzburg, konzertant: eine geglückte Mozart-Schönberg-Kombination, ein brillanter Liederabend Olga Borodinas, eine feine Mozart-Matinee mit Regina Schörg.
Das Fragment in der Musik ist heuer bei den Salzburger Festspielen ein zentrales Thema: Nach Puccinis "Turandot" mit neuem Finale nun, im letzten Festspielkonzert des Deutschen Symphonie Orchesters Berlin, also Mozarts Requiem in der fragmentarischen Fassung und Schönbergs unvollendetes Oratorium "Die Jakobsleiter".
Dirigent und Orchester erwiesen sich als prägnante Klangarchitekten - trotz der dumpfen Zeltakustik in der "Zauberflöten"-Kulisse! Plastisch arbeitete Kent Nagano die Fuge im Kyrie des Requiems heraus, führte das Blech im Dies irae zu motivierter Schärfe. Ruhig und weich phrasierte der Staatsopernchor über dem straffen orchestralen Fundament im Rex tremendae.
Unter den Solisten überzeugten Georg Zeppenfeld, der seinen schlanken Baß ruhig führte, Katharina Kammerloher mit schön gefärbtem Alt und Sopranistin Laura Aikin: Sie glänzte dann vor allem als "Seele" in der "Jakobsleiter". Hier ließ Nagano Text und Musik als untrennbare Einheit deutlich werden. Beklemmend breitete sich Schönbergs Vision von der letztlich hoffnungslosen Suche nach dem Sinn des Lebens aus. Deklamatorisch überzeugend die Solisten, allen voran Dietrich Henschel als unerbittlicher Gabriel und Kurt Atzesberger als zerrissen-entsagender Mönch.
Makellos: Olga Borodina
Lieder von Liebe, Leid und Lebenskunst fesselten am Samstagabend im Mozarteum: Bei Olga Borodina ist jeder Atem Ausdruck. Mühelos gelingen ihr schlicht-innige Momente in Liedern Rachmaninows ebenso wie berstend-dramatische Ausbrüche bei Tschaikowsky. Leicht und doch tragend die Tiefe ihres Prachtmezzos, voll und herrlich dunkel timbriert die Höhe.
In Mahlers Rückert-Liedern schien die Musik im Augenblick zu entstehen: Feinfühlig von Dmitri Yefimov begleitet, kam jede harmonische Wendung, jede dynamische Nuance, jede stimmliche Färbung aus der Dringlichkeit der Botschaft. Das existentielle Schauern in "Um Mitternacht" kann kaum vibrierender sein. Manuel des Fallas "Siete canci³nes populares espanolas" gaben dem Abend eine spanisch-sinnliche Note. Vor allem in "Polo" ließ sich Borodina rückhaltlos auf den tönend gefühlten Schmerz ein.
Triumphal: Regina Schörg
Ähnlich triumphal tags darauf: Regina Schörg bei einer Mozart-Matinee vom Feinsten. Die Wiener Sopranistin zählt zu den herausragenden Vokalartisten unserer Zeit. Auch die vertracktesten Koloraturgirlanden, die Mozart seiner Schwägerin Aloysia Lange in die Kehle diktiert hat, bietet sie Ton für Ton präzis, aber zu geschmeidigen Phrasen gebunden. Wo aber Poesie verlangt ist, wo dramatische Intensität den Gesang zur packenden Szene zu verdichten hat, da verwandelt sich das Podium des Mozarteums zur Bühne. Die Musik schafft sich die Kulisse, vor der sich Trauer, Verzweiflung, Todessehnsucht materialisieren. Das ist so ereignishaft wie der Zynismus, mit dem Schörg die Arie "on curo l'affett" KV 74b gestaltete: Da wendet sich eine beleidigte junge Dame an einen veritablen Versager - und läßt keinen Zweifel an ihrer Verachtung.
Was folgte (KV 272 und 538), gehört zu den höchsten Anforderungen, die Mozart je einer Singstimme zugedacht hat. Schörg fand im Mozarteumorchester Stütze - und Widerhall. Ivor Bolton leistete mit dem Ensemble ganze Arbeit. Beredte Phrasierung, feine klangliche Abstufungen und ein Sinn für Witz und Pointiertheit, aber auch - in den Andante-Sätzen - für inneren Reichtum. Das kam bereits der frühen F-Dur-Symphonie KV 130 zugute, deren subtile Klangschattierungen die Instrumentierungskunst des jungen Mozart aufblühen ließ, der mit der ungewöhnlichen Kombination von vier Hörnern und zwei Flöten erstaunlich reiche Farben erreicht. Mit der Prager-Symphonie klang die Matinee animiert aus.