Donald Runnicles war der gute Geist des einzigen "Rings des Nibelungen", den die Wiener Staatsoper heuer anzubieten hatte.
In Wahrheit ist die Tatsache, daß Wien einen "Ring"-Zyklus zeigen kann, unter die kleinen Wunder zu verbuchen. Denn jegliche Musiktheater-Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte spricht einem solchen Unterfangen Hohn, wenn es im Rahmen eines Repertoirebetriebs stattfinden soll, wo zwischen den Abenden der Tetralogie noch fleißig Verdi, Puccini und Richard Strauss gespielt wird. In der Staatsoper funktioniert es trotzdem. Und wahrscheinlich muß man diese Fakten vorausschicken, bevor man überhaupt über eine "Ring"-Aufführung zu debattieren beginnt, die hörbar probenlos in ein solches Korsett eingefüllt wird.
Also: Selbstverständlich kann man mit einem Opernorchester wie diesem bei Hinzuziehung altgedienter Wagner-Recken Wagners Vierteiler spielen, ohne auf ein allzu tiefes Niveau abzurutschen. Voraussetzung: Ein Dirigent vom Format Donald Runnicles' steht zur Verfügung, der das Werk in- und auswendig kennt, weiß, wo man alle unaufgeregt gewähren lassen muß, um einfach durchzukommen, und wo man sogar noch etliche Schäuferln dramatischen Überschwangs zulegen darf, ohne daß im Furor alles durcheinander kommt.
Da kann ein zweiter Akt der "Götterdämmerung" zum musiktheatralischen Ereignis werden, obwohl der Chor mit erstaunlichen Zeitverschiebungen arbeitet und auch im Orchester wahrhaftig nicht immer jeder Ton genau an seinem Platz sitzt. Die Richtung stimmt und das, was Wagner sich dramaturgisch ausgedacht hat, erreicht voll und ganz sein Publikum.
Die Ausnahme bleiben dank der Routine aller gottlob Abstürze wie der orchestral wie vokal ziemlich mißglückte erste "Walküren"-Akt mit der nur in manchen Lagen noch leuchtkräftigen Sieglinde Cheryl Studers, dem immer ungeschlachter werdenden Kurt Rydl und dem viertelstundenweise nur noch heiser tönenden Siegfried Jerusalem. Jerusalem, darstellerisch nach wie vor glänzend, hat dennoch den ganzen Durchlauf noch einmal gewagt, vom Loge bis zum Alt-Siegfried die großen Tenorpartien gespielt, aber nicht verhindern können, daß die Opernfreunde in den Pausen darüber diskutierten, wie lang seine Glanzzeit nun zurückliegt.
Schöne Einzelleistungen
Wo nicht, wie im beschriebenen mittleren Götterdämmerungs-Aufzug, der theatralische Schwung alle mitreißt, blieben immerhin Einzelleistungen bemerkenswert. Die Auftritte der Marjana Lipovsek in diversen Urmutter-, Mutter- und Schwesternrollen, allesamt mit messerscharf sezierender Sängerpsychologie absolviert; der nach und nach zur altgewohnt beherrschenden Figur wachsende Wotan von James Morris und die grandiosen Zwerge von Heinz Zednik und Oleg Bryjak.
An Debüts gab es Juana DeVols Brünnhilde zu verzeichnen: gute Leistungen einer sicheren Sängerin, der es vielleicht an Persönlichkeit, an Charisma, aber nie an den nötigen vokalen Reserven für Wagners lange Bögen fehlt. Und ein exzellenter neuer Gunther, stimmschön und präsent: Boaz Daniel.
Erfreulich auch, daß die Nornen, von der auffällig schön timbrierten Helene Ranada angeführt, ein harmonisches Terzett ergaben, anders als die Rheintöchter, die ungeordnet um die Wette brüllten.
So laviert also auch die Erinnerung an die "Ring"-Aufführung zwischen den Extremen, wie diese selbst. So ist's, wenn man um einen Vergleich Herbert von Karajans zu bemühen ein Rennpferd dazu verwendet, lediglich gemächlich auszureiten. Ist es vermessen, sich allen Umständen zum Trotz auch in Wien wieder einmal eine "Nibelungen"-Tetralogie zu wünschen, die alle legendären Möglichkeiten unseres Orchester mit denen eines guten Ensembles koordinierte und so wieder wirklich zum Blühen brächte?