Angesagte Sensationen finden zuweilen statt. So beim Musikvereins-Konzert der Philharmoniker zum Beginn ihrer Europatournee.
Richard Strauss' "Ein Heldenleben" war in dieser Konstellation bereits in Salzburg ein Ereignis, weit über das gewohnte philharmonische Niveau hinaus. Der Klangvisionär Thielemann, der noch minimale orchestrale Farbnuancen zu changierendem Leben erweckt, hat für Strauss' Erzählton die ideale Interpretenhand, breitet eine schier unentrinnbare Lebens- und Leidensgeschichte aus.
Es ist, man weiß es, ein Leichtes, Werke wie das "Heldenleben" zur eitlen Selbstdarstellung zu benutzen. Thielemann und die Philharmoniker verwenden ihre ganze Virtuosität jedoch darauf, die Partitur so minutiös wie möglich zu realisieren. Nichts sonst. Das aber gründlich. Und das ist viel. So ist auch Konzertmeister Rainer Honeck noch einmal höchst zu loben: Er serviert das höllisch schwere Violinsolo mit singulärer Dezenz, Witz und Erzählfreude. Man hört den Charakter von "des Helden Gefährtin" und denkt nicht darüber nach, wie großartig der Musiker ist, der diesen gerade in Tönen formt.
Edles Posaunen-Solo
Ähnlich verhielt es sich mit der Orchestersuite aus der "Frau ohne Schatten", mit der die Philharmoniker ihr Strauss-Programm für die CD-Aufnahme ergänzen. Auch da war etwa im Duett der Färbersleute technisch Sensationelles zu vernehmen, das ganz bescheiden in den Dienst der musikalischen, der erzählerischen Sache gestellt wurde. Mein Leben lang habe ich mich gefragt, warum Strauss die Melodie des Barak just der Posaune anvertraut hat, die diesen Gesang normalerweise ein wenig kitschig werden läßt.
Seit Samstag weiß ich, daß das nicht an Strauss liegt, sondern an der Unzulänglichkeit mancher Musiker. Der neue Posaunist der Philharmoniker blies dieses Solo so hinreißend schön, mit so edlem Ton, daß man in Hinkunft die Baritone an ihm messen wird.
So ging es mit der ganzen Suite, die durch unsägliche Übergänge alle Freunde der "Frau ohne Schatten" in Verzweiflung stürzen müßte, spielte da nicht eine Hundertschaft so poetisch, so farbenreich auf, zauberte sie nicht derart magische Klangwirkungen in den Saal, daß Sprachlosigkeit sich schon vor der Pause im Publikum breit macht. Man hatte schon über die ungewohnt breit, aber behutsam mit geheimnisvollen Stimmungswechseln musizierte Mendelssohnsche Sommernachtstraum-Ouvertüre gestaunt. Man feierte am Ende Orchester und Kapellmeister so hingebungsvoll, wie diese zuvor aufgespielt hatten.
Was muß das für eine Saison werden, die auf solchem Niveau beginnt?